Reisen ist nötig

Kleist

Heinrich von Kleists Leben als Roadmovie

Immer, wenn es ans Reisen ging, war Kleist schon munter. Und er nahm es jedes Mal so genau, wenn es ans Reisen ging, und ließ sich darüber aus in seinen Briefen. Der Leser könnte Kleist als den typisch romantischen Reisenden betrachten, den es grundsätzlich in ferne, unbekannte Regionen drängte, ohne dass die jeweils in die Reise gesetzten allgemeinen Ziele sich widersprächen. Am 22. März 1801 schrieb er an seine geduldige Verlobte:

„Liebe Wilhelmine, laß mich reisen. Arbeiten kann ich nicht, das ist nicht möglich, ich weiß nicht zu welchem Zwecke. Ich müßte, wenn ich zu Hause bliebe, die Hände in den Schoß legen, und denken. So will ich lieber spazieren gehen, und denken. Die Bewegung auf der Reise wird mir zuträglicher sein, als dieses Brüten auf einem Flecke.“

Im Mai 1799, in einem Brief an seine Schwester Ulrike, verglich er die geplante Reise, stets in allem einen Sinn suchend, mit dem Leben:

„Was der Reiseplan dem Reisenden ist, das ist der Lebensplan dem Menschen. Ohne Reiseplan sich auf die Reise begeben, heißt erwarten, dass der Zufall uns an das Ziel führe, das wir selbst nicht kennen. Ohne Lebensplan leben, heißt vom Zufall erwarten, ob er uns so glücklich machen werde, wie wir es selbst nicht begreifen.“

Ein anderes Mal, am 18. Juli 1801, war es ihm, in einem Brief an Karoline von Schlieben, als schiene sich ein Unfall mit einer Kutsche wie natürlich aus seinem Leben zu ergeben – ein schreiender Esel hatte die Pferde scheu gemacht. Als überschlüge sich nicht nur die Kutsche, sondern er sich selbst und schlüge wie ein Brett gegen einen Baum:

„Und an einem Eselsgeschrei hängt ein Menschenleben? Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt?“

Größeres Unglück als das Reisen, pflegte er zu sagen, habe dagegen das Ankommen an sich, weil die Ankunft selbst wiederum fragwürdig sei. Seit Heinrich von Kleist im März 1799 den Abschied von Militär genommen hatte, trat er als Reisender in Erscheinung.



Arbeitsanregung:

„Unterwegs sein“ – das der Lyrik im NRW-Zentralabitur 2020/21 zugeordnete Leitmotiv kehrt in Heinrich von Kleists Biografie, in gewisser Hinsicht auch in seinen Erzählungen wieder. Hat die Marquise von O… es zum Beispiel nur bei einem Wohnort bewenden lassen?

Verfolgen Sie anhand der folgenden Beiträge Stationen in Kleists Reise-Leben.


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