Kafkas Kippfiguren

Kafkas Figurengestaltung im Roman „Der Prozess“

Die Erzählperspektive bildet die conditio sine qua non. Nicht das Wissen über die Inhalte von Kafkas Roman „Der Prozess“, sondern das Wissen über die Verzerrung der Inhalte, die durch diese Perspektive bedingt ist, verschafft einen Zugang zum Gesetz und damit zur Schuld des Protagonisten. Das Tor zum Gesetz wird nicht durch festes Mauerwerk begrenzt, sondern durch den von der jeweiligen Perspektive bestimmten psychischen Raum. Wenn das Tor dem „Mann vom Lande“ verschlossen erscheint, durch übermächtige Wächter ausgefüllt, dann wird keiner mehr zugelassen. Die Wächter, deren es viele in diesem Roman gibt, haben sich der verzerrten Wahrnehmung des Protagonisten angepasst. Im Unterricht haben wir sie daher als „Kippfiguren“ bezeichnet. An einer Kippfigur kann man nicht einfach vorbei gelangen, wie das folgende bekannte Beispiel aus der Sammlung optischer Täuschungen zeigt.

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Die dargestellte Kippfigur ist auch nicht mit der Figur einer alten Frau, deren große Nase eine Warze ziert, zu verwechseln, da diese Figur klar und begrenzt wäre. Es lohnt sich, die alte Frau länger zu betrachten, die ihr Kinn tief in den Kragen ihres Pelzes sinken lässt, deren Mund nur aus dieser Perspektive einen Mund darstellt. Das ist aber nicht der Endzustand der Figur des alten Weibes. Es gehört zum Wesen der Kippfigur, dass sie eine weitere Verwandlung gestattet. Der Mund der alten Frau ist der Hals einer jungen Frau mit Halsschmuck. Diese Kippfiguren in ihrer eigentümlichen Form, die in diesem Fall eine hässlich-schöne Doppelform ist, haben auch Kafkas Denken beherrscht. Der Türhüter gilt dem furchtsamen Mann vom Lande als groß, und mit den Jahren des Wartens verwandeln sich auch die Flöhe in dessen Pelzkragen und werden hervorgehoben, als ob sie die Macht besäßen, über den Zugang zum Gesetz zu verhandeln. Der Prediger an der zunächst klein anmutenden Kanzel im Dom verwandelt sich in den Gefängniskaplan, und die Kanzel wird riesengroß, so dass K. den Kopf in den Nacken legen muss, um zu dem Geistlichen hinaufblicken zu können. Kaufmann Block, an den K. sich hält, verwandelt sich vom redseligen Klienten des Advokaten Huld zu einem Hund, der von dem Hausmädchen Leni beherrscht wird. Allesamt Kippiguren! Für uns im Unterricht ist es daher wichtig, uns Klarheit über diese Kippfiguren Kafkas zu verschaffen und zu begreifen, dass sie nicht nur den Vorgang – „Prozess“ [!] – von K.s Denken, sondern auch dessen Ergebnis ausdrücken.

Arbeitsanregungen:

  1. Entdecke eine weitere Kippfigur in Kafkas Roman!
  2. Sammle zunächst alle Informationen, die du über die Figur herausfinden kannst.
  3. Markiere wichtige Textstellen. 
  4. Sortiere die Informationen und lege einen Steckbrief an, vielleicht mit dem Titel „Die Verwandlung der Figur XY“.
  5. Erläutere, ob und inwiefern diese Verwandlung durch die Erzählperspektive bedingt ist.
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