Maschinenmenschen

Franz Kafkas Vision des Maschinenmenschen

Josef K. s Charakter

Entscheidendes hat sich in Josef K.s Leben ereignet. Er ist verhaftet worden, ohne in das Geheimnis der gegen ihn zu Recht oder Unrecht erhobenen Vorwürfe eingeweiht worden zu sein. Das Geheimnis seiner Verhaftung wird dadurch noch gesteigert, dass das Gericht sich jeder der üblichen Nachfragen entzieht. Josef K. – er ist Prokurist bei einer größeren Bank – gehört übrigens weiterhin dem Arbeitsalltag an. Es ist jedoch klar, dass die Verhaftung sich auf sein Verhalten in der Bank auswirkt. Latent bereits vorhandene Entfremdungstendenzen beschleunigen sich, dass Josef K., „erster Prokurist“ mit glänzenden Karrierechancen, sich immer weniger am richtigen Platze glaubt.

Die Frage nach den gegen ihn erhobenen Schuldvorwürfen beherrscht Josef K.s Denken fortwährend. Mit einem gewissen Eigensinn beharrt K. zudem darauf, dass er unschuldig sei. Sein Widerstand erlahmt allerdings, da er im Missverhältnis zu seinen Kräften steht. Er ist dann brutal gleichgültig, wie es scheint, den Kopf wie in einem Stahlband eingezwängt, das ihm die Ohrmuscheln zusammenpresst. Nachlässig übernimmt er es daher nur, die Verteidigung in seinem Prozess vorzubereiten. So lässt Josef K. sich treiben und wird als Treibgut der flutenden Masse – so ähnlich wird es in vielen expressionistischen Gedichten bezüglich des modernen Großstadtmenschen vermittelt – in einen unüberschaubaren Prozess hineingerissen.

Die Wächter, die ihm den Raum nehmen, mit ihren Bäuchen im Weg stehen, mit ihrer eng anliegenden Funktionskleidung – die, „ohne dass man sich darüber klar wurde, wozu [sie] dienen sollte, besonders praktisch erschien“ (Kafka 2014: 5) – sehen aus wie von Ferdinand Léger gemalte Maschinenmenschen. K. schenkt ihnen keine tiefere Beachtung, wie die Prüglerszene beweist. Auch dem Onkel gegenüber erweist er sich gleichgültig, der in der Tat wie eine mechanisch angetriebene Puppe im Leben seines Neffen erscheint, um nach einigen hilflosen Drehungen wieder daraus zu verschwinden. Das „Gespenst vom Lande“ (Kafka 2014: 64) nennt Josef K. ihn darum. Gehirnlose Maschinenmenschen hatte bereits die Schwarze Romantik vorausgesehen. Franz Kafka hat diese Idee aufgenommen.

Franz Kafka: Der Prozess. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2014.

Arbeitsanregungen:

  1. Gehen Sie auf Spurensuche! Suchen Sie Textstellen aus dem Anfangskapitel („Verhaftung“), die Josef K.s Eigensinn und Widerstand belegen!
  2. Fügen Sie weitere Stellen hinzu, die Aufschluss über Josef K.s Charakter geben.
  3. Belegen Sie das Motiv des Maschinenmenschen!
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