Im Namen seiner Eltern

Kafka: Die Verwandlung. Prokuristenszene

Zwei Thesen vorweg:

  1. Auch wenn es entmutigend viele Deutungen von Gregor Samsas „Verwandlung“ gibt, zählt diese Erzählung zu den interessantesten, die Franz Kafka geschrieben hat.
  2. Prinzipiell ist es möglich, Zusammenhänge zwischen dem Geschick Gregors und der Arbeitsteilung in der „Welt der Angestellten“ (Kracauer) herzustellen. Einige Interpreten dagegen neigen dazu, Gregor als Opfer eines in der Familie begründeten Schuld- und Schamkomplexes anzusehen. Die Prokuristenszene (Kafka 2015: 12,11–14,5) lässt sich mit beiden Deutungsansätzen in Verbindung bringen.

Sobald wir in der Scham das bestimmende Motiv für Gregor Samsas Verwandlung erkannt haben, stoßen wir auf eine wichtige Frage: Ist die Scham nur innerhalb der Familie sichtbar? Muss auch die Firma, bei der Gregor beschäftigt ist, einbezogen werden? Was ist mehr als die Quelle der Scham anzusehen: die Familie oder die Firma? Wir nehmen an, dass Franz Kafkas Novelle, die vor rund hundert Jahren, im Jahr 1915 erschienen ist, nicht von einer zufälligen Metamorphose handelt. Gregor Samsas Verwandlung darf nicht als eine von einer blinden Fortuna verhängte Strafe betrachtet werden.

Die Schwierigkeit, zwischen der Familie und der Firma zu trennen, stellt sich zum Beispiel in der vorliegenden Szene dar: In einer äußerst angespannten Situation haben sich die Eltern, die Schwester und der Prokurist seiner Firma vor Gregors Tür eingefunden und üben gemeinsam Druck auf den vermeintlichen Langschläfer aus. Jeder arbeitet mit unterschiedlichen Argumenten.

Der Prokurist sollte die geschäftlichen Erwartungen an Gregor formulieren können, während die Familie mit privaten, ins Persönliche spielenden Argumenten Druck aufbaut. Es fällt jedoch auf, dass sich der Prokurist auch für die privaten Belange Gregors zuständig fühlt: „Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung“ (Kafka 2015: 12,16–18). Seine Vorwürfe treffen Gregor daher doppelt tief.

Der Prokurist ist gerade im Hinblick auf das, was er meint, ohne es zu sagen, interessant. Sagt er: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer“ (ebd. 12,12), meint er in etwa: Warum versperren Sie mit Absicht die Tür? Was haben Sie zu verbergen, Sie gefährlicher Mensch? Sagt er: „Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste“ (ebd. 12,27), meint er: Rechnen Sie jeden Tag damit, dass Ihnen gekündigt wird! Gregor scheint daran gewöhnt zu sein, der Autorität des Prokuristen Gehör zu schenken. So kann der Prokurist in seiner langen Rede fortfahren, Vorwürfe auf Vorwürfe aufhäufen, ohne Kenntnis von der wirklichen Lage Gregors zu haben.

Gregors Zurückhaltung, sein geradezu unterwürfig zu nennendes Verhalten ist aufschlussreich auch im Hinblick auf den symbolischen Gehalt der Szene. Die Ungeziefergestalt wird dadurch zum Symbol der Niedrigkeit, der Wertlosigkeit Gregors. Warum aber soll Gregor von seiner Wertlosigkeit wissen? Der personale Erzähler ist sich im Grunde über die wirklichen Verhältnisse nicht im Klaren. Gregor „fand“ sich zu einem Ungeziefer verwandelt, heißt es am Anfang der Erzählung. Das heißt, Gregor scheint sein wirklicher Status innerhalb der Familie und der Firma gar nicht zur Gänze bewusst zu sein. Darum meint er in der vorliegenden Szene auch, nur von einer Erkältung betroffen zu sein: „Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, dass man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird“ (ebd. 13, 3–5; vgl. ebd. 8, 8–11: „dass die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im Geringsten“).

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie die Szene (Kafka 2015: 12,11–14,5) unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationssituation.
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