Umkehr der Richtung

Die Metamorphose aus zoologischer Sicht

Das Verwandlungsmotiv in Kafkas Novelle „Die Verwandlung“

Wenn es heißt, der Mensch sei an der Verwandlung erst Mensch geworden, so ist im Falle Gregor Samsas das Gegenteil richtig. Es gehört zur Gabe des Menschen, sich verwandeln zu können, es gehört zu seiner spielerischen Veranlagung. Wie aufregend, sich alle möglichen Charaktere einverleiben zu können! Wie spannend, mehr sein zu können, als man ist! Die Verwandlung Gregor Samsas hat demgegenüber eine besondere Qualität. Diese besteht in der Umkehrung des Motivs. Darauf beruht die Ironie der Darstellung. Alle Gedanken der Hauptfigur sind erfüllt von dem Wunsch, nicht mehr, sondern, im Gegenteil, weniger werden zu wollen. Rückzug anstelle von Vermehrung. Am Ende liegt „Gregors Körper vollständig flach und trocken“ da. Gregors Minderwertigkeitsgefühle sind für alle greifbar geworden.

Arbeitsanregung:

„Kafka vs. Goethe“

Stellen Sie Gregor Samsas Wunsch danach, zu verschwinden, Fausts verzweifeltem Streben nach Erweiterung gegenüber. Was ist an jenem Motiv typisch expressionistisch, was an diesem typisch modern?

Im Namen seiner Eltern

Kafka: Die Verwandlung. Prokuristenszene

Zwei Thesen vorweg:

  1. Auch wenn es entmutigend viele Deutungen von Gregor Samsas „Verwandlung“ gibt, zählt diese Erzählung zu den interessantesten, die Franz Kafka geschrieben hat.
  2. Prinzipiell ist es möglich, Zusammenhänge zwischen dem Geschick Gregors und der Arbeitsteilung in der „Welt der Angestellten“ (Kracauer) herzustellen. Einige Interpreten dagegen neigen dazu, Gregor als Opfer eines in der Familie begründeten Schuld- und Schamkomplexes anzusehen. Die Prokuristenszene (Kafka 2015: 12,11–14,5) lässt sich mit beiden Deutungsansätzen in Verbindung bringen.

Sobald wir in der Scham das bestimmende Motiv für Gregor Samsas Verwandlung erkannt haben, stoßen wir auf eine wichtige Frage: Ist die Scham nur innerhalb der Familie sichtbar? Muss auch die Firma, bei der Gregor beschäftigt ist, einbezogen werden? Was ist mehr als die Quelle der Scham anzusehen: die Familie oder die Firma? Wir nehmen an, dass Franz Kafkas Novelle, die vor rund hundert Jahren, im Jahr 1915 erschienen ist, nicht von einer zufälligen Metamorphose handelt. Gregor Samsas Verwandlung darf nicht als eine von einer blinden Fortuna verhängte Strafe betrachtet werden.

Die Schwierigkeit, zwischen der Familie und der Firma zu trennen, stellt sich zum Beispiel in der vorliegenden Szene dar: In einer äußerst angespannten Situation haben sich die Eltern, die Schwester und der Prokurist seiner Firma vor Gregors Tür eingefunden und üben gemeinsam Druck auf den vermeintlichen Langschläfer aus. Jeder arbeitet mit unterschiedlichen Argumenten.

Der Prokurist sollte die geschäftlichen Erwartungen an Gregor formulieren können, während die Familie mit privaten, ins Persönliche spielenden Argumenten Druck aufbaut. Es fällt jedoch auf, dass sich der Prokurist auch für die privaten Belange Gregors zuständig fühlt: „Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung“ (Kafka 2015: 12,16–18). Seine Vorwürfe treffen Gregor daher doppelt tief.

Der Prokurist ist gerade im Hinblick auf das, was er meint, ohne es zu sagen, interessant. Sagt er: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer“ (ebd. 12,12), meint er in etwa: Warum versperren Sie mit Absicht die Tür? Was haben Sie zu verbergen, Sie gefährlicher Mensch? Sagt er: „Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste“ (ebd. 12,27), meint er: Rechnen Sie jeden Tag damit, dass Ihnen gekündigt wird! Gregor scheint daran gewöhnt zu sein, der Autorität des Prokuristen Gehör zu schenken. So kann der Prokurist in seiner langen Rede fortfahren, Vorwürfe auf Vorwürfe aufhäufen, ohne Kenntnis von der wirklichen Lage Gregors zu haben.

Gregors Zurückhaltung, sein geradezu unterwürfig zu nennendes Verhalten ist aufschlussreich auch im Hinblick auf den symbolischen Gehalt der Szene. Die Ungeziefergestalt wird dadurch zum Symbol der Niedrigkeit, der Wertlosigkeit Gregors. Warum aber soll Gregor von seiner Wertlosigkeit wissen? Der personale Erzähler ist sich im Grunde über die wirklichen Verhältnisse nicht im Klaren. Gregor „fand“ sich zu einem Ungeziefer verwandelt, heißt es am Anfang der Erzählung. Das heißt, Gregor scheint sein wirklicher Status innerhalb der Familie und der Firma gar nicht zur Gänze bewusst zu sein. Darum meint er in der vorliegenden Szene auch, nur von einer Erkältung betroffen zu sein: „Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, dass man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird“ (ebd. 13, 3–5; vgl. ebd. 8, 8–11: „dass die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im Geringsten“).

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie die Szene (Kafka 2015: 12,11–14,5) unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationssituation.

Eine Laubsägearbeit

Gregor Samsa: Das vereinsamte Kind

Gregor Samsa hat, so erfahren wir, die Gepflogenheit, sein Zimmer des Nachts abzuschließen. Er kenne dies von den Hotels her, die er als Reisender benutzt. Der Leser erkennt deutlich, dass dieses Eingesperrtsein aus Prinzip erfolgt, zum Schutz des völlig Übermüdeten vor überraschenden Eindringlingen. Nun, als die Familie und der Prokurist aufkreuzen, profitiert er von dieser Vorsichtsmaßnahme. Es ist ein kleines Zimmer. Wie ist die Laubsägearbeit auf dem Tisch zu denken, die einen „hübschen, vergoldeten Rahmen“ für das Bild der Dame im Pelz ergibt? Sie ähnelt eher dem Werk eines Kindes als dem eines Erwachsenen. In den Worten der Mutter, die Gregor gegenüber dem Prokuristen zu verteidigen sucht, gewinnt diese Laubsägearbeit ironischerweise genau diese Bedeutung. Das anfängliche Lob der sorgenvollen Mutter geht hierbei allmählich in Mitleid mit dem vereinsamten Jungen über.

„Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, bis Gregor aufmacht“ 

(Kafka 2015: 11).


Arbeitsanregungen:

  1. Skizzieren Sie die Lage der Räume in Gregors Wohnung.
  2. Überlegen Sie, welcher Sinn den einzelnen Räumen zukommt.
  3. Planen Sie, inszenieren Sie ausdrucksstarke Bewegungen (Handlungen), die dem Sinn eines dieser Räume entspricht.
  4. Suchen Sie die dazugehörige Textstelle und stellen Sie sie vor.

Morgen

Franz Kafka: Die Verwandlung

Es war nur ein Traum, mag man erleichtert ausrufen. Ein Affe sein, bis über die Knie herunter reichende Arme haben, am Fluss spazieren gehen wie ein Geck, in einer neuen schwarzkarierten Hose. Wie schön, wenn alle Aufregung vorüber ist! Aber ein Ungeziefer sein im Augenblick des Erwachens, das erleiden zu müssen, das wird dir ständig den Atem nehmen!