Spiegel des Humanen

Wie wird Orest geheilt?

Das Befremden, mit dem Iphigenie und Orest einander begegnen, ist von der gleichen Art wie das Befremden, mit dem ein Mensch sein Spiegelbild betrachtet. Für Orest ist Iphigenie ebensowenig greifbar, wie eine Reflexion im Spiegel greifbar ist. Für Goethe offenbart der Spiegel das so genannte Doppelgesicht. So erkennt der wahnsinnige Orest anfangs nicht die Schwester in dem Gesicht der Schwester, sondern nur die Furie, allgemeiner gesagt: nur das strafend Göttliche darin (V. 1169–1171: „Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? / Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich / Das Innerste in seinen Tiefen wendet?“). Ist das Spiegelbild aber von dem schrecklichen Bild der Rachegöttin bestimmt, ist der Weg zur Erkenntnis des Orakels verstellt: „Bringst du die Schwester, die an Tauris’ Ufer / Im Heiligtume wider Willen bleibt, / Nach Griechenland; so löset sich der Fluch“ (V. 2113–2115). Solange Orest im Bild der Schwester nur das strafend Göttliche erfährt, ist seine Erlösung vom Familienfluch nicht möglich. Die Gottesebenbildlichkeit der Schwester erweist sich aber gerade darin, dass sie dem Bruder trotz seiner Schuld vergibt (vgl. Herders Leitidee der Gottesebenbildlichkeit). Orests Befremden gegenüber dem Spiegel (vgl. Lethefluss als Spiegelmetapher) weicht also der Freude, als er in der Schwester das vergebend Göttliche erkennt – die humane Seite des Menschen.

Die reine Menschenliebe?

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Iphigenie und Thoas

  • Erster Aufzug. Dritter Auftritt (V. 450–537)

Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, am 6. April 1779 im kleinen Kreis der Weimarer Hofgesellschaft uraufgeführt, gilt als klassisches Humanitätsdrama. Iphigenie verkörpert, was auszufüllen kein einzelner Mensch imstande ist: die „reine Menschlichkeit“, wie Goethe selbst, nicht ohne Selbstkritik, im Hinblick auf dieses Drama bemerkt. Humanität, d. h. „Menschlichkeit“ oder „Menschenfreundlichkeit“ ist, im Kontext von Goethes Drama, als Gegenbegriff zu Barbarei, Unbildung, aber auch Fremdbestimmung aufzufassen. Im Kontext der Weimarer Klassik findet der Begriff außerordentliche Beachtung. In der Humanität, so formuliert es Herder in Berufung auf Kant, bestehe die Glückseligkeit des Menschen, sie erst helfe ihm, sich von seinen selbstverschuldeten Zwängen zu befreien.

In der dritten Szene des ersten Aufzugs (I, 3) kommt es zu einer Begegnung zwischen Iphigenie und Thoas. Wie es von dem Boten des Königs, Arkas, bereits angekündigt worden ist (vgl. I, 2), teilt Thoas der Priesterin mit, dass er sie heiraten möchte. Doch Iphigenie ist nicht bereit, den Erwartungen des Königs zu entsprechen. Sie lehnt den Antrag ab und ruft damit den Zorn des Königs hervor. So trägt er ihr auf, die lange unterlassenen Menschenopfer wieder durchzuführen und der Göttin Diana zwei Fremde zu opfern.

Für das Verständnis der Figur ist interessant, ob Iphigenie ihr Verhalten rational begründet bzw. Humanität unter Beweis stellt. Ist es für den König nachvollziehbar, warum sie den Antrag ablehnt? Erweist die Priesterin dem König so viel an Menschlichkeit, dass sie ihn teilnehmen lässt an ihrer Entscheidung?

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie den entsprechenden Auszug aus der dritten Szene (V. 450–537). Berücksichtigen Sie dabei insbesondere die Gestaltung der Figur der Iphigenie.
  • Thoas’ Dilemma

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    Was wäre, wenn die Götter zu Staub zerfielen?

    Iphigenies Konflikt mit den Göttern

    Die Aufklärung, vor allem in Frankreich, ist religionskritisch. Männer wie Descartes sind von dem festen Vorsatz bestimmt, alles von Grund auf anzuzweifeln und umzustürzen. Was wäre, wenn die Götter nicht existierten, wenn auch der christliche Gott zu Staub zerfiele? Hatten nicht bereits die von den Aufklärern bewunderten Schriftsteller der Antike ihr Misstrauen gegenüber der Religion geäußert? War Cicero zum Beispiel nicht davon überzeugt, dass die Religion der Philosophen („religio philosophorum“) nichts mit der Religion der Masse („religio vulgi“) gemein habe?

    Goethe übernimmt diese Gedanken in dem Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“. Zunehmend wird Iphigenie sich ihrer eigenen Möglichkeiten bewusst und gerät mit den überlieferten Gottesvorstellungen, besonders mit ihrer Göttin Diana in Konflikt. Die archaischen Menschenopfer hat sie abgeschafft. Was wäre, wenn auch die Götterbilder selbst zu Staub zerfielen (vgl. V. 864)? Was wäre, wenn sie sich selbst an die erste Stelle setzte und die Göttin an die zweite? Lange hat sie sich im Einvernehmen mit den Göttern gewähnt. Nun erfährt sie von den Gräueltaten in ihrer Familie.

    Bildungsidee

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