In einer großen Stadt

Lyrik

Oder: Der Tod und das verlorene Ich

Detlev von Liliencron

In einer großen Stadt

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt,
Querweg die Menschen, einer nach dem andern.
Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Gedichte leben von der Wiederholung, sei es auf der klanglichen, der bildlichen oder der begrifflichen Ebene. So entsteht das, wodurch Gedichte sich von anderen Texten abheben: Gefühl und Ausdruck. Das vorliegende Gedicht – „In einer großen Stadt“ von Detlev von Liliencron aus dem Jahr 1890 – zeichnet sich durch besonders viele Wiederholungen aus. Die Verse rufen dabei eine derartige Sogwirkung hervor, dass der Eindruck einer unendlichen Wiederholung entsteht. Der Sprecher der Verse beklagt diese Wiederholung. Alle Menschen in der großen Stadt erscheinen ihm schlichtweg austauschbar. Jede Gestalt ist vergänglich, allein der Tod ist ewig.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art eines Liedes gestaltet. Es enthält zwölf vorwiegend im Hakenstil aneinander gereihte, reimlose Verse, die sich in drei Quartette gliedern. Metrisch gesehen liegt ein Fünftakter vor, mit jambischen Versfüßen und – in jedem zweiten Vers der Quartette – einer markanten Zäsur nach der zweiten Hebung (V. 2, 6:„bald jener |“, V. 10: „die Menschen |“).

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

1. Quartett:
Zunächst wird der Schauplatz der Handlung vorgestellt: eine Stadt, die einem Meer gleicht. Die Menschen erscheinen dem Sprecher wie Treibgut. Der Leser könnte an eilige Passanten in einer unbestimmten Großstadt denken.

2. Quartett:
Gegenstand des zweiten Quartetts ist ein metaphysischer Gedanke. Dem Sprecher erscheint der Tod aller Passanten als alle verschlingendes Nichts.

3. Quartett:
Auch der eigene Tod wird endlich in Betracht gezogen. Dem Sprecher wird seine Vergänglichkeit deutlich. Der Leser könnte vermuten, dass das Lied des Orgeldrehers ihm dazu den Anlass gegeben hat.

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktio-
nalen Zusammenhang, z. B.:

Detlev von Liliencrons Gedicht ist durchzogen von Metaphern, die miteinander korrespondieren (V. 1: „Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt“; V. 5: „Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts“; V. 9: „Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt“). Bildspender ist dabei das Meer mit seiner stets gleichen Bewegung.