Kafka geht in Platons Höhle

Franz Kafka: Von den Gleichnissen

Bei Kafka gibt es ein Gleichnis über Gleichnisse, das zum Verständnis weiterer Texte Kafkas dienen kann. Es hat viel mit dem platonischen Höhlengleichnis gemeinsam. Bei beiden Gleichnissen liegt eine Zweiweltenlehre vor. Die eine Seite des Gleichnisses ist auf die wirkliche Welt bezogen, die andere auf die Welt des Scheins. In dieser hat der Schein das Wort, das „[S]agenhafte“, das „auch von [dem Weisen] nicht näher zu bezeichnen ist“, so Kafka. In jener anderen hat die Wirklichkeit das Wort, das „[F]assbare“, so Kafka. In dieser eigentlichen Welt – außerhalb der Höhle – hat alles seinen richtigen Ort, so Platon. Nun werden die Fragen an den Weisen in Kafkas Gleichnis zu Klagen. Und auch in Platons Gleichnis wird der in die Höhle zurückgekehrte Weise mit Missbilligung gestraft: „Würde dieser Mensch nicht sofort ausgelacht werden, würde man nicht von ihm sagen, er sei durch seinen Aufstieg nach oben mit verdorbenen Augen zurückgekehrt […]?“ (Platon: Politeia, Buch 7, S. 517a). In Platons Höhle hat der Schein das Wort.

Es bleibt dem Weisen – so deute ich Kafkas Gleichnis – keine andere Möglichkeit, als den Bildern in der Höhle zu folgen und das „Unfassbare“ in Gleichnissen zu erzählen. Im Gleichnis „[v]on den Gleichnissen“ hat er damit verloren.

Platons Ausgangspunkt ist übrigens ein echtes Gleichnis, von Platon selbst mehrfach erklärt: Das nenne ich „den dialektischen Weg […] das Lösen der Fesseln und die Abwendung von den Schatten zu den Bildern selbst und zum Licht und den Aufstieg aus der Höhle zu der Sonne“ (ebd. S. 532b). Platon führt das Gleichnis auch als solches ein, indem er die entsprechende Formulierung verwendet: Vergleiche! („ἀπείκασον“, ebd. S. 514a). Außerdem schreibt er: „Dieses Bild musst du, lieber Glaukon, als Ganzes zusammenbringen mit den früheren Aussagen“ (ebd. S. 517a).

Kafkas Gleichnis dagegen trägt den Keim eines Gleichnisses in sich, ist aber, genau besehen, eine Parabel. Sein Gleichnis enthält nämlich keinen Schlüssel, keine Erklärung. Es ist nicht auf praktische Verhältnisse übertragbar („unverwendbar im täglichen Leben“), sondern vielmehr visionär. Befreiung aus der Höhle der Bilder (Texte) gelingt nicht dem, der Erklärungen sucht, sondern dem, der selbst zum Bild (Text) wird – so lautet Kafkas paradoxe Lösung.

Franz Kafka:
Von den Gleichnissen

Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: „Gehe hinüber“, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: „Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.“
Ein anderer sagte: „Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.“
Der erste sagte: „Du hast gewonnen.“
Der zweite sagte: „Aber leider nur im Gleichnis.“
Der erste sagte: „Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.“

Die Wahrheit durch ein Bild –

Methodenwissen: Analyse einer Parabel

In den von Johann Gottfried Herder herausgegebenen jüdischen Parabeln steht die Fabel eines alten Mannes, dem spät abends auf einer Reise die Stadtmauern verschlossen bleiben und der darauf im Freien übernachten muss. Da fragt sich der Leser: Wie wird der Mann die Nacht überstehen? Jeder weiß doch, dass die Nacht Gefahren birgt. Jeder kennt dies aus den Sprichwörtern und Weisheiten, die jener Parabel zufolge von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben werden. Wer dies aber nicht weiß, dem hilft die Parabel selbst.

Ein frommer Weiser kam vor eine Stadt, deren Tore geschlossen waren; niemand wollte sie ihm öffnen: hungrig und durstig musste er unter freiem Himmel übernachten. Er sprach: „Was Gott schickt, ist gut“, und legte sich nieder.

Neben ihm stand sein Esel, zu seiner Seite eine brennende Laterne, um der Unsicherheit willen in derselben Gegend. Aber ein Sturm entstand und löschte das Licht aus. Ein Löwe kam und zerriss seinen Esel. Er erwachte, fand sich allein und sprach: „Was Gott schickt, ist gut.“ Er erwartete ruhig die Morgenröte.

Als er ans Tor kam, fand er die Tore offen, die Stadt verwüstet, beraubt und geplündert. Eine Schar Räuber war eingefallen und hatte eben in dieser Nacht die Einwohner gefangen, weggeführt oder getötet. Er war verschont. „Sagte ich nicht“, sprach er, „dass alles, was Gott schickt, gut sei? Nur sehen wir meistens am Morgen erst, warum er uns etwas des Abends versagte.“

Kurz gesagt: der Mann hat eine Erfahrung gemacht, wie sie nicht schöner als in der vorliegenden Form hätte aufbewahrt und kultiviert werden können. Es ist die Parabel mit ihren allegorischen Zügen, die diese Erfahrung enthält. Manchmal drohend, manchmal begütigend, hilft sie „dem, der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit durch ein Bild zu sagen“ (Christian Fürchtegott Gellert).

Arbeitsanregungen:

  • Erschließen Sie die Lehre der vorliegenden Fabel.
  • Vergleichen Sie Kafkas „Kleine Fabel“ und die Türhüterparabel („Vor dem Gesetz“) mit der vorliegenden Parabel.

Lösungsansatz:

Bildebene → Sachebene

Stadt → Leben

verschlossene Stadttore → Hindernisse im Leben

freier Himmel → Möglichkeiten: Risiken und Gefahren

Esel → körperliche Kräfte

Laterne → geistige Kräfte: Intelligenz, Ideen, Wissen

Sturm → Leiderfahrung: metaphysisches Leid

Löwe → Leiderfahrung: physisches Leid

Morgenröte → Hoffnung: Leben nach dem Leid