Malum metaphysicum

Iphigenie

Iphigenies Klage

Seit der Zeit der Aufklärung wird die Metaphysik skeptisch betrachtet. Der Zweifel an ihr gründet sich auf der Leugnung ihrer Wissenschaftlichkeit. In der Tat steht ihr Anspruch, als „erste Philosophie“ die Wahrheit über das Sein zu beschreiben, wissenschaftlich gesehen auf schwachen Füßen. Nichtsdestoweniger spiegelt die Metaphysik das Bedürfnis wider, Antworten auf spezifisch menschliche Fragen zu formulieren. So mag sich jemand zum Beispiel fragen, was seine Stellung in der Welt sei. Er kann sich fragen, warum ihn das Leben mit Unbehagen erfüllt. Er mag sich angesichts der Weltgeschichte wundern, ob sie mehr sei als die ewige Wiederkehr des Gleichen. Philosophen und Dichter der griechischen Antike hatten auf solche Fragen Antworten gefunden. Ihre Gedankengänge aufzunehmen, zeigen sich die Dichter der literarischen Klassik in Deutschland bereit. Johann Wolfgang Goethes Ideal ist es zum Beispiel, den „guten Geschmack der Griechen“ in allen wesentlichen Fragen, die den Menschen betreffen, auf seine Dichtung zu übertragen. Griechische Gedanken bilden daher die Grundlage für sein Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, welches im April 1779 seine Uraufführung erlebt hat. Dem Eingangsmonolog des Dramas lassen sich die metaphysischen Fragen der Titelfigur entnehmen.

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