Figuren des Wahnsinns

Kafka

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Wahnsinn und Vergessen als Kennzeichen der Moderne

Von Orest wird berichtet, er sei mehrere Jahre häufig wiederkehrenden Depressionen verfallen gewesen. Die Krankheit war so ernst, dass man keinen Rat wusste und die Krankheit daher „Wahnsinn“ nannte. Dieser Wahnsinn, wie er in Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ (1786) gespiegelt wird, ist wie ein Bote, der dem expressionistischen, an Friedrich Nietzsches Schriften geschulten Diskurs über den Wahnsinn um mehr als hundert Jahre vorauseilt. Der Diskurs über den Wahnsinn, der die Kritik an dem, was als „normal“ gilt, beinhaltet, ist letztlich Kulturkritik. Expressionismus ist aufs Äußerste getriebene Kulturkritik – und insofern Anfang der Moderne.

Auch Kafkas Werk kann in diesem Sinn als expressionistische Kulturkritik gelesen werden. Kafkas Figuren zeigen, dass sie in den bürokratischen Hierarchien moderner Kulturen nicht zurechtkommen. „Normale“ Kommunikation mit den höheren Ebenen der Bürokratie ist Josef K. nicht möglich. Allerdings hält uns der „Proceß“ auch das Vergessen entgegen. Es macht aus K. einen zweiten Orest, der dem „Wahnsinn“ am Fluss des Vergessens zu entkommen sucht: K. macht sich kein Gedächtnis. Auch das gibt Anlass, an Nietzsche zu erinnern.