Kein Ort

Woyzeck

Die Männer schnitten Zweige aus dem Gebüsch. Eine düstere Stille war um sie herum geworfen, der Hügel, auf dem sie standen – „ Schädelhöhe“ genannt –, lief hinab zu den Häuserlasten der Kaserne.

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Arbeitsanregungen:

  1. Welche Bezüge zur biblischen Kreuzigungsstätte lassen sich erkennen? Wo weicht der Text von der Bibel ab, wo lässt er sich von der Bibel anregen?
  2. Notieren Sie, inwiefern das Motiv der Schuld und der Ort der Handlung zusammengehören.

Erläuterungen:

In Georg Büchners 1837 entstandenem, der Epoche des Vormärz zuzuordnendem Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendet hat, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Büchners Text veranschaulicht am Beispiel der Lebensumstände des hessischen Soldaten Franz Woyzeck die bedrückenden Lebensumstände in der Zeit zunehmender Industrialisierung in Deutschland, durch die es möglich gemacht wird, dass Menschen deformiert und zum Äußersten getrieben werden.

Dem Drama liegt ein historischer Fall zugrunde: Der Arbeitslose Johann Christian Woyzeck ersticht seine Geliebte. In Büchners Drama ist es der Stadtsoldat „Franz“ Woyzeck – ein Soldat der Unterschicht, ein so genannter „Pauper“ -, der seine Geliebte Marie Zickwolf aus Eifersucht ersticht, da sie ihn mit einem Offizier, dem Tambourmajor, betrogen hat. Franz und Marie haben ein gemeinsames Kind im Alter von zwei Jahren.

Franz sichert den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie, indem er zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachgeht. Unter anderem nimmt er im Zuge eines menschenverachtend zu nennenden, wissenschaftlichen Experiments eine Erbsendiät auf sich, die seine Gesundheit zerstört und Wahnvorstellungen hervorruft.

Die erste Szene ist als Vorwegnahme der Handlung zu betrachten. Woyzeck schneidet mit seinem Kameraden Andres Stöcke im Gebüsch auf freiem Feld und sieht sich dabei von rätselhaften Mächten bedroht. Sein Kamerad versucht die durch Woyzeck ausgelöste Angst mit einem Lied zu überspielen. Woyzeck sieht eine Hinrichtungsstätte, hört die Freimaurer kommen, gerät immer mehr in Angst, bis er seinen Kameraden in Panik ins Gebüsch reißt. Der Mord an Marie, die mögliche Hinrichtung Woyzecks, seine Ängste und Wahnzustände werden in dieser Szene bereits vorweggenommen. Besonderes Gewicht liegt auf der Gestaltung des Schuldmotivs: So leidet Woyzeck unter immensen Schuldgefühlen, obwohl ihm, an diesem Zeitpunkt der Handlung, keinerlei Schuld angelastet werden kann.

Die Szene kann in folgende Abschnitte eingeteilt werden:

Z. 3–7: Woyzeck sieht eine Hinrichtungsstätte und fühlt sich durch die Freimaurer bedroht.

Z. 8–14: Andres versucht die aufkommende Angst zu verdrängen.

Z. 15–27: Woyzecks Angstgefühle werden stärker. Er hat eine Vision vom biblischen Strafgericht.

Z. 28: Andres hört das Signal zum Zapfenstreich und drängt zum Aufbruch.

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