Vom Ausbleiben der Erkenntnis –

Der Erzähler in Kafkas Roman „Der Proceß“

Auch der personale Erzähler ist uns gegenwärtig. Zwar ist der auktoriale Erzähler uns näher, indem er klar Stellung bezieht, keinen Zweifel über die Zusammenhänge lässt. Besser gesagt: der auktoriale Erzähler tritt deutlicher in Erscheinung, indem er größer ist als die darzustellenden Figuren, indem er ihnen ins Wort fällt, indem er schamlos alles vorwegnimmt, was er weiß.

Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.

(Lew N. Tolstoi: Anna Karenina. Roman. Aus dem Russischen von Fred Ottow. Düsseldorf: Artemis & Winkler 2007, 7)

Der in diesem berühmten Romananfang sich ankündigende Erzähler öffnet dem Leser zum Beispiel sogleich die Augen. Er weiß bereits, dass Anna Karenina ins Bodenlose stürzen wird. Er macht keinen Hehl daraus, dass das Glück dieser bestimmten Familie, der Familie Anna Kareninas auf dem Spiel steht.

Wie steht es mit dem personalen Erzähler? Der Erzähler in Franz Kafkas Roman „Der Proceß“ jedenfalls schöpft nicht aus derlei Erfahrung.

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

(Franz Kafka: Der Proceß. Roman. Kritische Ausgabe, hrsg. von Malcolm Pasley, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1990, 9)

Dieser Erzähler sagt, dass er keine Lektion mitzuteilen hat, die er gelernt hat. Er kann daher den Leser auch nicht einladen, diese Lektion mitzuerleben. Dieser Erzähler ist vielmehr auf Vermutungen angewiesen: Was Josef K. passiert ist, ist, wie es in Bezug auf das Ausbleiben der Köchin heißt, „noch niemals geschehen“ (ebd.). Der Erzähler, der als personaler Erzähler hinter die Figur zurücktritt, kann folglich keinen praktischen Nutzen in der zu erzählenden Geschichte erkennen. Kurzum: der Erzähler in Franz Kafkas Roman ist dem Leser mit seinem Mangel an Erkenntnis gegenwärtig, der reflektierende Leser aber soll hin und wieder darüber schmunzeln.

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Arbeitsanregung:

  • Schreiben Sie mit diesem Wissen über den personalen Erzähler einen von Ihnen selbst zu bestimmenden Teil des Romans aus der auktorialen Perspektive.
  • Lösungshilfe:
    So könnte der Romananfang aus der auktorialen Perspektive lauten:
    Hätte jemand Josef K. nicht verleumdet, wäre es nie so weit gekommen. Wer dies gewesen sei, dachte er aber sogleich, werde er schnell herausbekommen.

Erzähler verloren!

Über die Neue Sachlichkeit

Der Erzähler ist, um es mit Walter Benjamin zu formulieren, eigentlich etwas „bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes“ (Walter Benjamin: Der Erzähler. In: Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur. Reclam UB 18793: Stuttgart 2012, 28). Was die Literatur der Neuen Sachlichkeit angeht, lässt sich sagen, dass der Erzähler aus dem Blickfeld getreten und durch den Beobachter ersetzt worden ist. Alfred Döblin fordert ausdrücklich die „Entselbung, Entäußerung des Autors“ (Alfred Döblin: Schriften zur Ästhetik, Poetik und Literatur, hrsg. von Erich Kleinschmidt. Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1989, 123). Der Wunsch nach einer Geschichte, ausgestattet mit einem mitfühlenden Erzähler, konnte sicherlich nicht an Döblin, den zentralen Vertreter der Neuen Sachlichkeit herangetragen werden – ein solcher Wunsch hätte ihn wahrscheinlich in größere Verlegenheit versetzt.

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Erzähler

Erzählverhalten

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