Natur-Sprache versus Menschen-Sprache

Herder

Die Sprache der Natur ist Sprache der Empfindung. Diese Sprache ist sowohl Pflanzen, Tieren als auch Menschen, so legt Herder es nahe, als ein Naturgesetz auferlegt:

  • „Das war gleichsam der letzte, mütterliche Druck der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab: ‚Empfinde nicht für dich allein: sondern dein Gefühl töne!‘“

Natur-Sprache
Die Gliederung verdanke ich Tilman Borsche: „Natur-Sprache. Herder – Humboldt – Nietzsche“, in: T. Borsche/F. Gerratana/A. Venturelli (Hg.): ‚Centauren-Geburten‘. Wissenschaft, Kunst und Philosophie beim jungen Nietzsche, Berlin/New York: de Gruyter 1994, 122.

Die Menschensprache aber, um das Gegenteil zur mechanischen Natursprache zu finden, ist besonnene Sprache. Einige der Formulierungen, die Herder für die besondere Stellung der Menschensprache gefunden hat, sollen im Folgenden erläutert werden.

Welt

  • „Der Mensch hat keine so einförmige und enge Sphäre, wo nur eine Arbeit auf ihn warte: eine Welt von Geschäften und Bestimmungen liegt um ihn. Seine Sinne und Organisation sind nicht auf eins geschärft: er hat Sinne für alles und natürlich also für jedes einzelne schwächere und stumpfere Sinne. Seine Seelenkräfte sind über die Welt verbreitet.“

Die Menschensprache ist nicht auf einen spezifischen Sinnbezirk eingeschränkt. Die Sprache ist nämlich ebenso wenig isoliert wie das Bewusstsein selbst. Was in das Bewusstsein des Menschen tritt, ob es sich dabei um Erlebnisse, Gegenstände, Personen usw. handelt, wird mit anderem – Erlebnissen, Gegenständen, Personen usw. – verbunden. Das Bewusstsein „fließt über“. Da Herder selbst kein Beispiel anführt, muss der Deutlichkeit halber auf alltägliche Erlebnisse verwiesen werden. Wenn ich zum Beispiel aus dem Fenster sehe, ist mein Bewusstsein nicht isoliert auf den Bezirk vor dem Fenster bezogen. Das Bewusstsein ist so organisiert, dass ich auch Erlebnisse, Gegenstände, Personen usw. außerhalb dieses Bezirks wahrnehme. Beim Anblick meiner Mülltonnen denke ich vielleicht an die wöchentliche Müllabfuhr, beim Anblick des Nachbarhauses vielleicht an die bevorstehende Einschulung des Nachbarkindes. Das „überfließende“ Bewusstsein erschließt dem Menschen nichts weniger als die Welt.

Reflexion

  • „Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sei.“

Sprache entsteht im Akt der Reflexion, welche ein „gerichteter“ („besonnener“) Zustand ist. Es gibt auch ungerichtete Bewusstseinszustände, in diesen Fällen ist das Bewusstsein einem „Ozean“ vergleichbar. Alles „durchrauschet“ die Sinne. Der Leser darf annehmen, dass ein Mensch in solch einem Zustand nicht einmal die folgende Figur zu deuten imstande ist.

Gesicht

Nur wenn der Mensch sich sammelt bei sich selbst, im Selbst als seinem Bewusstseinszentrum nämlich, erkennt er die abgebildete Figur als Gesicht an.

Natürlich geht es Herder auch um die Frage, wie die ersten Wörter entstanden seien, genauer ausgedrückt: wie die ersten „inneren“ Wörter (verba intima) entstanden seien. Allerdings übergeht Herder dabei die Frage nach dem Verhältnis von inneren und äußeren Wörtern:

  • „[Der Mensch] beweiset also Reflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaften lebhaft oder klar erkennen, sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sich anerkennen kann: der erste Aktus dieser Anerkenntnis gibt deutlichen Begriff; es ist das erste Urteil der Seele – und –wodurch geschah die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern mußte und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. Wohlan! lasset uns ihm das εὕρηκα zurufen! Dies erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden!“

Herder verwendet den Begriff der Seele in der vorliegenden Textpassage ohne weitere Erklärung. Doch es wird deutlich, dass er die Seele als Ursache der Reflexion betrachtet. Dabei ist die Seele von vielen, ihr selbst unbewussten Fähigkeiten und Zuständen abhängig. Lust und Unlust bilden die Basis des Bewusstseins – Affekte, Bewertungen dessen, was für gut und was für schlecht befunden wird. Ebenso gehört die Stimmung, in der der Träger der Seele sich bei dem Akt der Reflexion befindet, zu den unbewussten Voraussetzungen des besonnenen Urteils. Es leuchtet nicht unmittelbar ein, wie angesichts der Vielzahl von Empfindungen die Seele selbst erkannt werden kann. Ist die Seele etwa von anderer Natur als die beschriebenen Emotionen? Ist die Seele gewissermaßen das Prinzip der Menschen-Sprache?

Die Untersuchung des Sprachursprungs sollte ihren Anfang in der Untersuchung der Seele haben.

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