Gegen die „aufzählende“ Dichtung!

Lyrik, Romantik

Romantische Lyrik als ursprüngliche Poesie

Das bereits in der Epoche des Sturm und Drang sich manifestierende Interesse am „einfachen“ Volkslied wird in der Romantik wieder aufgegriffen. Es ist keine Extravaganz, wenn die Dichter der Romantik sich nicht mehr von den Griechen, sprich: von der klassizistischen Dichtung Frankreichs inspirieren lassen, darin spricht sich vielmehr die Überzeugung aus, dass jede Dichtung lokal und historisch bedingt sei. Das Verständnis für die eigene Kultur wird größer.

Ein vertieftes Verständnis für die lokale und geschichtliche Individualität der Dichtung beweisen Karl Philipp Moritz und Friedrich Schlegel. Deren Interesse an der Ursprünglichkeit der Dichtung wirkt bis in die Spätromantik fort. In Moritz’ Gedanken spielt die Behauptung gegenüber jeder Art von „aufzählender“ Dichtung die entscheidende Rolle – Dichtung solle „einfach“ sein: „[A]ufzählen, [das ist] eine Beleidigung des Kunstwerks […], dessen ganze Hoheit in seiner Einfachheit besteht.“

Friedrich Schlegel schreibt:

„Unermeßlich und unerschöpflich ist die Welt der Poesie wie der Reichtum der belebenden Natur an Gewächsen, Tieren und Bildungen jeglicher Art, Gestalt und Farbe. Selbst die künstlichen Werke oder natürlichen Erzeugnisse, welche die Form und den Namen von Gedichten tragen, wird nicht leicht auch der umfassendste alle umfassen. Und was sind sie gegen die formlose und bewußtlose Poesie, die sich in der Pflanze regt, im Lichte strahlt, im Kinde lächelt, in der Blüte der Jugend schimmert, in der liebenden Brust der Frauen glüht? – Diese aber ist die erste, ursprüngliche, ohne die es gewiß keine Poesie der Worte geben würde. Ja wir alle, die wir Menschen sind, haben immer und ewig keinen andern Gegenstand und keinen andern Stoff aller Tätigkeit und aller Freude, als das eine Gedicht der Gottheit, dessen Teil und Blüte auch wir sind – die Erde. Die Musik des unendlichen Spielwerks zu vernehmen, die Schönheit des Gedichts zu verstehen, sind wir fähig, weil auch ein Teil des Dichters, ein Funke seines schaffenden Geistes in uns lebt und tief unter der Asche der selbstgemachten Unvernunft mit heimlicher Gewalt zu glühen niemals aufhört. Es ist nicht nötig, daß irgend jemand sich bestrebe, etwa durch vernünftige Reden und Lehren die Poesie zu erhalten und fortzupflanzen, oder gar sie erst hervorzubringen, zu erfinden, aufzustellen und ihr strafende Gesetze zu geben, wie es die Theorie der Dichtkunst so gern möchte. Wie der Kern der Erde sich von selbst mit Gebilden und Gewächsen bekleidete, wie das Leben von selbst aus der Tiefe hervorsprang, und alles voll ward von Wesen die sich fröhlich vermehrten; so blüht auch Poesie von selbst aus der unsichtbaren Urkraft der Menschheit hervor, wenn der erwärmende Strahl der göttlichen Sonne sie trifft und befruchtet. Nur Gestalt und Farbe können es nachbildend ausdrücken, wie der Mensch gebildet ist; und so läßt sich auch eigentlich nicht reden von der Poesie als nur in Poesie.“

(Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie. Erstdruck: 1800. In: ders.: „Athenäums“-Fragmente und andere Schriften. Reclam UB 9880: Stuttgart 2005, 165–166)

Sagt Schlegel, es sei nicht nötig, die Dichtung „durch vernünftige Reden und Lehren“ fortzupflanzen, so lässt sich daran erkennen, inwiefern Schlegel die Dichtungen seiner Zeit für künstlich – oder mit seinen eigenen Worten: für „chemisch“ hält. Diese Dichtungen sind zusammengesetzt, gemischt aus verschiedenen Elementen der rhetorischen Kunst. Was Schlegel dagegen in Hinsicht auf die „formlose und bewußtlose Poesie“ der neuen Dichtung postuliert, tritt durch die folgende Gegenüberstellung deutlich zutage.

Arbeitsanregungen:

In den beiden folgenden Gedichten wird das Thema „Zeit“ unterschiedlich gestaltet. Wie Sie leicht merken werden, orientiert sich Andreas Gryphius im Unterschied zu Joseph von Eichendorff an klassizistischen Vorbildern, sein Gedicht ist ist im alexandrinischen Versmaß verfasst.

  • Interpretieren Sie beide Gedichte.
  • Untersuchen Sie dabei insbesondere die Bildlichkeit in beiden Texten.
  • Diskutieren Sie, ausgehend von beiden Texten, den Unterschied zwischen allgemeiner (Andreas Gryphius: Abend) und „ursprünglicher“ Zeiterfahrung (Joseph Eichendorff: Der Abend).

Andreas Gryphius: Abend (1664)

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsterniß zu dir.

Joseph von Eichendorff: Der Abend (1826)

Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

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