Die Erd ist höllenheiß

Woyzeck


 
STRASSE
(Woyzeck kommt und will vorbeieilen)
HAUPTMANN: He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei. Bleib er doch, Woyzeck! Er läuft ja wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneid’t sich an Ihm; Er läuft, als hätt Er ein Regiment Kosaken zu rasieren und würde gehenkt über dem längsten Haar noch vor dem Verschwinden. Aber, über die langen Bärte – was wollt‘ ich doch sagen? – die langen Bärte …
DOKTOR: Ein langer Bart unter dem Kinn, schon Plinius spricht davon, man müsst es den Soldaten abgewöhnen …
HAUPTMANN (fährt fort): Ha, über die langen Bärte! Wie ist, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden? He, Er versteht mich doch? Ein Haar eines Menschen, vom Bart eines Sapeurs, eines Unteroffiziers, eines – eines Tambourmajors? He, Woyzeck? Aber Er hat eine brave Frau. Geht Ihm nicht wie andern.
WOYZECK: Jawohl! Was wollen Sie sagen, Herr Hauptmann?
HAUPTMANN: Was der Kerl ein Gesicht macht! … Vielleicht nun auch nicht in der Suppe, aber wenn Er sich eilt und um die Eck geht, so kann er vielleicht noch auf ein Paar Lippen eins finden. Ein Paar Lippen, Woyzeck – ich habe auch das Lieben gefühlt, Woyzeck. Kerl, Er ist ja kreideweiß!
WOYZECK: Herr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel – und hab’s sonst nichts auf der Welt. Herr Hauptmann, wenn Sie Spaß machen –
HAUPTMANN: Spaß ich? Dass dich Spaß, Kerl!
DOKTOR: Den Puls, Woyzeck, den Puls! – Klein, hart, hüpfend, unregelmäßig.
WOYZECK: Herr Hauptman, die Erd ist höllenheiß – mir eiskalt, eiskalt – Die Hölle ist kalt, wollen wir wetten. – – Unmöglich! Mensch! Mensch! Unmöglich!
HAUPTMANN: Kerl, will Er – will Er ein paar Kugeln vor den Kopf haben? Er ersticht mich mit seinen Augen, und ich mein es gut mit Ihm, weil Er ein guter Mensch ist, Woyzeck, ein guter Mensch.
DOKTOR: Gesichtsmuskeln starr, gespannt, zuweilen hüpfend. Haltung aufgeregt, gespannt.
WOYZECK: Ich geh. Es ist viel möglich. Der Mensch! Es ist viel möglich. – Wir haben schön Wetter, Herr Hauptmann. Sehn Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen, ein‘ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels zwischen Ja und wieder Ja – und Nein. Herr Hauptmann, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken. – (Geht mit breiten Schritten ab, erst langsamer, dann immer schneller.)
HAUPTMANN: Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen. Wie schnell! Der lange Schlingel greift aus, als läuft der Schatten von einem Spinnbein, und der Kurze, das zuckelt. Der Lange ist der Blitz und der Kleine der Donner. Haha … Grotesk! Grotesk!
 

Woyzeck
Grundsätzliches zur Analyse

 
„Woyzeck“ als Beziehungsdrama
 
Woyzeck hat sich von den anderen Beteiligten des Dramas losgelöst. Wenn der Leser die vorliegenden Szenenfragmente als Teile eines Beziehungsdramas auffasst, geht er auf Maries Untreue zurück und hat den Grund für dieses Verhalten gefunden: Marie hat sich verändert; seit er den fremden Ohrring bei ihr gesehen hat, weiß Woyzeck: „Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!“ (Büchner 2015: 11,37).
 
„Woyzeck“ als Sozialdrama
 
Mit dieser Erfahrung wendet er sich der Arbeit zu. In dieser Sphäre kann er nicht schaffen, sondern nur hetzen. Da Woyzeck arm ist, muss er funktionieren, existiert er nur im Dienste der Anderen, was die wiederum mit Spott, falschem Mitleid oder Genugtuung zu Kenntnis nehmen. Die Herrschenden betrachten Woyzecks Hyperaktivität mit Schadenfreude. In dieser Szene ist es der Hauptmann, der Woyzecks Verhalten aufs Korn nimmt: „He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei?“ (ebd. 14,15–16).
 
Das Eifersuchtsmotiv
 
Das Entscheidende an der vorliegenden Szene, welche ein Woyzeck aufgezwungenes Gespräch mit dem Hauptmann und dem Doktor darstellt, ist, dass Woyzeck deren Bemerkungen hinnehmen muss, konkret die Anspielungen auf die Untreue seiner Lebensgefährtin. Er selbst hat die Ohrringe, die Marie angeblich „gefunden“ hat (ebd. 11,25), nämlich bereits in dieser Hinsicht interpretiert. Nun spielt der Hauptmann auf ein weiteres verdächtiges Detail an: „Wie is, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden?“ (ebd. 14,24–26). Damit die Kränkung vollkommen ist, wiederholt der Hauptmann den Verdacht mehrfach, erwähnt schließlich ausdrücklich den Tambourmajor: „ Ein Haar von einem Menschen […] eines Tambourmajors?“ (ebd. 14,26–28). Das anschließend geäußerte Mitgefühl ist nur vorgetäuscht: „Aber Er hat eine brave Frau. Geht ihm nicht wie andern“ (ebd. 14,28–29); „Kerl, Er ist ja kreideweiß!“ (ebd. 14,35–36).
 
Woyzecks Phantasien
 
Die Kränkung sitzt tief. Woyzecks Phantasie wird aktiv. Schon aus der Szene „Freies Feld, die Stadt in der Ferne“ (ebd. 6–7) geht hervor, dass Woyzeck von rätselhaften Eindrücken und Ideen geplagt ist. Diesmal fehlt die Vorstellung, von den Freimaurern verfolgt zu werden. Was wiederkehrt, ist das Hinrichtungsmotiv. Die Kränkungen des Hauptmanns haben Woyzeck derart getroffen, dass er sich im „feste[n], graue[n] Himmel“ (ebd. 15,11) an einem Haken („Kloben“, ebd. 15,12, südhessisch für: starker eiserner Haken, zum Aufhängen schwerer Gegenstände geeignet) aufhängen möchte. Mit Bedacht wählt der Autor den Himmel zur Metaphernbildung. Diese Metapher fordert den Leser dazu auf, noch an etwas anderes zu denken, als im Text steht. Was wäre nämlich die gewohnte Art, diese Metapher zu deuten? Verweist die Metapher nicht auf den um seine Freiheit bereicherten, verwandelten Menschen? Woyzecks Ängste dagegen zwingen ihn, nicht nur die Erde („die Erd ist höllenheiß“, ebd. 14,43), sondern auch den Himmel als gewaltsamen Ort zu betrachten.
 

„In diesen Erscheinungen ist bei Woyzeck der Grundmechanismus von Psychosen wirksam, die Projektion. Es handelt sich um wahnhafte Übersetzungen seiner Ängste, die an die Stelle der realen Ursachen und Verursacher treten, um irre Spiegelungen seines unterschwelligen Bewusstseins, dass er physisch und psychisch zugrunde gerichtet, in eine Katastrophe hineingetrieben wird“ (Glück 1990: 200).

 
Asymmetrische Kommunikation
 
Es ist zunächst klar, dass das Gespräch kein für beide Seiten gleichermaßen befriedigendes Gespräch darstellt. Es muss betont werden, dass das Gespräch Woyzeck aufgezwungen wird („He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei? Bleib Er doch, Woyzeck!“ (ebd. 14,15–16). Das Gespräch wird durchweg vom Hauptmann dominiert. Als Woyzeck sich einschaltet, von Eindrücken und Eifersuchtsphantasien beladen, kann er sich nicht eigentlich verständlich machen und seinen Gefühlen die adäquate Form geben. Ein Gesprächs-„Ziel“, das von allen Beteiligten gemeinsam verfolgt wird, kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.
 

Verwendete Literatur:

Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2015.

Alfons Glück: Woyzeck, in: Interpretationen: Georg Büchner. Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck. Philipp Reclam jun. Verlag: Stuttgart 1990, 179–220.