Auf ihre Schultern

Barock, Lyrik

Petrarkistisches Schönheitslob

Wie oft haben wir jemanden auf die beste Weise gekleidet gesehen? So ist es beim Sonett: Es soll die Linien des Körpers aufs Vorteilhafteste in allen Einzelheiten nachzeichnen. Das Sonett führt die in ihm behandelten Inhalte zur Formvollendung. Genau genommen reden wir vom petrarkistischen Schönheitspreis. Es genügt nicht, dass es Schönheit gibt, sie muss auch gesehen und in Gedanken notiert werden! Vergesst diese Frau nie! Ihre Schultern sind einziger Art. Das besagt dieses Modell, das jahrhundertelang die europäische Lyrik geprägt hat.

Wie Sie vermutlich wissen, schwingt der Totengräber in fast jedem zweiten barocken Gedicht seine Schaufel obenauf. Dann schlägt die Form um in die schwelgerische Darstellung des Todes. Schönheit verschwindet! Der Leser wird mit den Forderungen „Carpe diem!“ (Nutze den Tag! Du lebst nur einmal!) und „Memento mori!“ (Denke immer daran, dass du sterben musst!) vertraut gemacht, die nur auf den ersten Blick gegensätzlich wirken.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau


Auff ihre schultern.

Ist dieses schnee? nein / nein / schnee kan nicht flammen führen.
Ist dieses helffenbein? bein weiß nicht weis zu seyn.
Ist hier ein glatter schwan? mehr als der schwanen schein /
Ist weiche woll allhier? wie kan sich wolle rühren?
Ist alabaster hie? er wächst nicht bey saphiren /
Ist hier ein liljen-feld? der acker ist zu rein.
Was bist du endlich doch? weil schnee und helffenbein /
Weil alabaster / schwan / und liljen sich verlieren.
Du schaust nun / Lesbie / wie mein geringer mund
Vor deine schultern weiß kein rechtes wort zu finden /
Doch daß ich nicht zu sehr darf häufen meine sünden /
So macht ein kurtzer reim dir mein gemüthe kund:
Muß Atlas und sein hals sich vor dem himmel biegen /
So müssen götter nur auf deinen schultern liegen.




Vergänglichkeit der schönheit.

Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /
Der augen süsser blitz / die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opffert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

Arbeitsanregungen:

  • Belegen Sie die Forderungen „Carpe diem!“ und „Memento mori!“ an beiden Gedichten.
  • Vergleichen Sie die Gedichte eingehender, indem Sie sich auf Form und Inhalt beziehen.
  • Informieren Sie sich über den Autoren: Inwiefern wird seine Lebensart in diesen Gedichten gespiegelt?