Ein brückenloser Abgrund

Hofmannsthal, Sprachreflexion

Kurze Typologie der Krise des Lord Chandos

Die existentielle Krise des sechsundzwanzigjährigen Lord Chandos zeigt sich in der Unangemessenheit von Vergangenheit und Gegenwart, von Werk und Seele. Ein „brückenloser Abgrund“ (47,25) trenne sein gegenwärtiges Dasein von dem vergangenen, bekennt Lord Chandos. Unangemessenheit – das heißt einerseits: die Seele ist größer als das Werk. Lord Chandos betrachtet daher die Jugendwerke – also das, was er objektiv geleistet hat – mit einer gewissen Herablassung: „[B]in denn ich’s, der nun Sechsundzwanzigjährige, der mit neunzehn jenen ,neuen Paris‘, jenen ,Traum der Daphne‘, jenes ,Epithalamium‘ hinschrieb, diese unter dem Prunk ihrer Worte hintaumelnden Schäferspiele, deren eine himmlische Königin und einige allzu nachsichtige Lords und Herren sich noch zu entsinnen gnädig genug sind?“ (46,22–47,3). Unangemessenheit – das bedeutet andererseits: die Seele ist kleiner als das Werk. Aus diesem Grund wiederum müssen dem Verfasser des Briefs die Werke, die er als Dreiundzwanzigjähriger verwirklichen wollte, nun als ungeheuere Anmaßung erscheinen. Wie verblendet muss die eigene Seele gewesen sein, dass sie sich zur Idee setzte, eine Enzyklopädie zustande zu bringen, die zuletzt sogar der Selbsterkenntnis (49,15: „Nosce te ipsum“) dienen sollte! Diese idealistische Gesinnung, die den Abstand zwischen Ideal und Idee vergisst, ist dem Sechsundzwanzigjährigen vollends abhanden gekommen. Der Verfasser des Briefs weiß inzwischen, dass er als Dichter scheitern muss, da die Seele größer ist als das Werk, Denken nämlich „in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte“ (58, 24–25).

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