Der Roman „Fabian“ – littérature engagée?

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Beobachtungen zum Protagonisten und zum Erzähler

Erich Kästner ist in ganz anderem Sinne Erzähler als Franz Kafka. Während Kafkas Erzähler versuchen in das Innere der Figuren zu blicken – und daher die personale Erzählperspektive wählen –, betrachten Kästners Erzähler die Figuren mit Distanz. Kafka interessiert sich für das Innere der Figuren, insbesondere für deren rätselhafte Scham und fortwährende Selbstanklage – Kästners Interesse gilt der Perspektive von unten. Das heißt, sein Berichtstil hat viel mit der Reportage gemeinsam. Dabei muss die engagierte von der neutralen Reportage abgegrenzt werden. Was muss darüber im Fall „Fabian“ gesagt werden?

Die Titelfigur selbst scheint sich für nichts tiefer zu interessieren. Fabian ist nicht engagiert, fühlt sich dem „System“ (Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, 31. Auflage, dtv: München 2015, 53) moralisch nicht verpflichtet. Als er schließlich eingreift und beschließt, einen Jungen vor dem Ertrinken zu retten, da hat er sich maßlos überschätzt (ebd. 236). Dem Leser genügt es vielleicht, um zu erkennen, dass die sittlich richtige Tat aufs Ganze gesehen sich als zwecklos erweist. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Theodor W. Adorno)

Doch vom Erzähler erwarten wir im Allgemeinen stärkere Reaktionen. Wir erwarten, dass die dargestellte Welt ihn „ergreift“, Fabians Schicksal ihn berührt.

Arbeitsanregungen:

  • Lesen Sie im elften Kapitel den Bericht über Fabians Kündigung (ebd. 106–108).
  • Begegnet der Erzähler den dargestellten Figuren mit Abstand, oder lässt er, in dem einen oder anderen Fall, Sympathie für eine Figur erkennen?
  • Wie nimmt der Erzähler Fabians Kündigung auf – sachlich, mit Bedauern oder Verwunderung, ohne besondere Teilnahme?
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