Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher

John Millais: Ophelia (1852). Ophelia, die schöne Wasserleiche, vor der Wirklichkeitszertrümmerung

Expressionismus und Gewalt

 
Die Expressionisten brauchten offenbar die Konfrontation mit der Gewalt. Gottfried Benn erinnert in dem Vorwort der 1955 erschienenen Gedichtsammlung „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ daran, wie sehr diese Stilrichtung die Zeitgenossen gerade wegen dieses Aspekts herausgefordert hat. Und Benn scheint genau daran seinen Spaß zu haben: „Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher“ seien die Expressionisten, zitiert Benn aus „einem Verlagsalmanach wörtlich“.

Ist also der Expressionismus als „eine Art Ku-Klux-Klan“ zu betrachten? – folgert der Dichter in ironischer Zuspitzung der zeitgenössischen Kritik. Ganz entschieden, so Benn, sei die Meinung abzuwehren, dass der Expressionismus geradezu sadistische Lust an der Gewalt empfinde. Wirklichkeitszertrümmerung stelle das Mittel, nicht den Zweck dieser Bewegung dar. Benn jedenfalls bekundet seine Anerkennung, wenn er von den Expressionisten als den „Gläubigen einer neuen Wirklichkeit und eines alten Absoluten“ schreibt. Nie sei der Expressionismus nach Benns Meinung bereit gewesen, sich widerstandslos der Logik des Kapitalismus und des Fortschrittsglaubens zu beugen.

Gottfried Benn

Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Arbeitsanregung:

Benns nachträgliches Urteil über den Expressionismus

  1. Wirklichkeitszertrümmerung stellt das Mittel, nicht den Zweck dieser Bewegung dar.
  2. Keinesfalls ist der Expressionismus bereit, sich widerstandslos der Logik des Kapitalismus und des Fortschrittsglaubens zu beugen.

 
Inwiefern entspricht Benns 1912 erschienenes Gedicht „Schöne Jugend“ seinem späterem Urteil über das expressionistische Jahrzehnt, sprich: die Jahre von 1910 bis 1920? Beziehen Sie sich auf die im Voraus genannten Thesen!
 

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