Expressionistisches Manifest

Ausdruckstanz (Ernst Ludwig Kirchner: Totentanz der Mary Wigman).

Der Expressionismus als etwas Natürliches

Die funktionalistische Auffassung von der Wirklichkeit sei eine falsche Vorspiegelung. Der Expressionismus sei dagegen „etwas absolut Natürliches“, betont Benn. Ein natürliches Gedicht ist selbstverständlich offen und wächst nach allen Seiten. Ein poetologisches Gedicht wie das folgende von Henriette Hardenberg verleiht dem Ausdruck. 

Wir werden

(1913)

Wir werden herrlich aus Wunsch nach Freiheit.
Der Körper dehnt sich,
Dieses Zerrende nach geahnten Formen
Gibt ihm Überspannung.
Schwere Hüften schauern sich zu langem Wuchse.
Im Straffen beben wir vor innerem Gefühl —
Wir sind so schön im Sehnen, daß wir sterben könnten

Bei diesem Text hat der Leser den Eindruck, als ob ein Ausdruckstanz vorgeführt würde. Der Text ist durchsetzt von Körpermetaphern: Der überdehnte, überspannte Körper (vgl. V. 4) wird Ausdruck einer großen, kollektiven Sehnsucht nach „Freiheit“ (V. 1).
 
Arbeitsanregungen:

Was Expressionismus ist, sollte in mehreren künstlerischen Manifesten deutlich werden.

  • Verfassen Sie solch ein Manifest.
  • Studieren Sie dafür das folgende Beispiel.

 
Beispiel:

Kasimir Edschmid: Über den Expressionismus in der Literatur und die neue Dichtung, Berlin 1919.

Textauszug

 

Apokalypse und Revolution

Auch Gedichte wurden unversehens zu Manifesten, die dem wilhelminischen Bürgertum entgegengehalten wurden. Der Reichtum der Themen ist erstaunlich. Eins der häufigsten Themen war die Apokalypse, die in Texten voller dunkler, bisweilen grell-verzerrter Bilder ausgestaltet wurde. Else Lasker-Schülers Gedicht „Weltende“ klingt dunkel, verzweifelt. Jakob von Hoddis’ Gedicht „Weltende“ scheint eher an der technischen Seite des Weltuntergangs gelegen zu sein. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken, die Sturmfluten sind nicht aufzuhalten. Auf alle Fälle entfernt man sich vom Althergebrachten, die alten Hüte müssen weg.
 

Weltende

(1911)

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
 
Arbeitsanregungen:

  • Interpretieren Sie das Gedicht. 
  • Verabschieden Sie sich vom Kaiserreich! Basteln Sie sich „alte (Papier-)Hüte“ und versehen Sie diese mit Symbolen des wilhelminischen Zeitalters.
  • Tragen Sie von Hoddis’ Gedicht in dem entsprechenden revolutionären Gestus vor und lassen Sie dabei diese alten Hüte fliegen.

 

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