Ein Brief an Francis Bacon

Hofmannsthal, Sprachreflexion

Die Pathologie der Ausdrucksformen

Die Wirkung von Hofmannsthals Epoche machendem „Brief“ – am 18. und 19. Oktober 1902 in der Zeitschrift „Der Tag“ erschienen – beruht auf einem Paradox. Dieses führt die „geistige Krankheit“ des Absenders in selbstbewusst sich gebender Sprache vor. Lord Chandos, der fiktive Absender des Briefes, entschuldigt sich: Er werde von der Sprache Abschied nehmen müssen und seine schriftstellerische Produktion einstellen, da die Sprache ihm nichts mehr sage. Will der Leser das Paradox gedanklich richtig erfassen, so muss er dessen doppelte Bestimmtheit festhalten: einerseits das absurde Verhältnis zwischen Inhalt und Form, wenn der Absender des Briefes assoziationsreich seine gedankliche Armut unter Beweis stellen möchte – andererseits das Befremdliche des Inhalts, das erkenntniskritische Sprachbewusstsein, mit dem der Absender Stellung gegen den Empfänger des Briefes bezieht.

Formal betrachtet ist der Brief nach rhetorischen Gesichtspunkten geordnet, d. h. er ist nach dem Muster eines Freundschaftsbriefes gestaltet, der ein Gespräch unter gebildeten Freunden nachzuahmen versucht. Empfänger des Briefes ist die fiktiv-historische Figur des Lordkanzlers des König James I. von England, Francis Bacon, besser bekannt als der Verfasser des „Novum Organum“, welches im Jahr 1620 erschienen ist.

Dem auf den 22. August 1603, in die Zeit der Regentschaft von König James I. datierten Brief liegt eine novellistische Erzählung zugrunde: Der Erzähler berichtet von einer unerwarteten Krankheit. Gemeint ist eine gravierende, schleichende Krankheit, in deren Verlauf mit der gesamten Daseinsweise des Kranken auch seine Ausdrucksformen sich ändern. Selbstverständlich ist die Art und Weise, in der Kranke sich äußern, d. h. den (sprachlichen) Ausdruck organisieren, immer abhängig vom Grad ihrer Krankheit. Der Kranke organisiert sich neu, da er glaubt, einzelnen Sinnen nicht mehr trauen zu können. In dem vorliegenden Fall berichtet Lord Chandos von einer Sprachstörung, er räumt ein, dass sein Sprachsinn erheblich beeinträchtigt worden sei.

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Bei seinem Bericht folgt Lord Chandos im Großen und Ganzen der Chronologie der Ereignisse. Er berichtet von dem Fortschreiten und den Folgen der Krankheit, um abschließend kurz die Frage zu erörtern, ob Heilung möglich sei.