Theodizee

Faust: Prolog im Himmel

Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben: Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die unheilvolle Wette des Teufels erlaubt hat.

Arbeitsanregungen:

  • Betrachten Sie die Abbildung (Klicken Sie auf das Bild, um die Ansicht zu vergrößern!): Welche Fragen werden aufgeworfen?
  • Inwiefern könnte Gott auch eine andere Haltung zum Menschen einnehmen?
  • Versuchen Sie die Wette des Teufels mit eigenen Worten neu zu formulieren: Prolog im Himmel (V. 299–343).

 

Markt

Noch einen Moment. Bald ist es so weit!

Wahlagitator

Erich Kästner: Jahrgang 1899


Interpretation

Einleitende Bemerkungen:

Kästners Gedicht handelt von den Erfahrungen der Vertreter des Jahrgangs 1899, genauer: von den Erfahrungen der Männer, die in der Weimarer Republik beruflich gesehen Aufsteiger oder Absteiger waren und nebenbei Adolf Hitlers Aufstieg ermöglicht haben. Die in der Form einer sozialkritischen Ballade verfasste Gesellschaftssatire erweist sich am Ende als Mahnung. Aus der Generation in der Krise kann nichts Gutes hervorgehen. Das Gedicht von Erich Kästner ist im Jahr 1928 erschienen.

Bemerkungen zum Inhalt:

  1. Die ersten drei Strophen handeln von den Jugendjahren der aus dem Jahr 1899 stammenden Generation. Die in der letzten Phase des Ersten Weltkriegs als Kanonenfutter dienenden jungen Männer haben, wenn überhaupt, nur mit Glück überlebt.
  2. Die nächsten drei Strophen geben Aufschluss über das Studium und das Berufsleben. In den Nachkriegsjahren gerät die Generation von 1899 sozial und wirtschaftlich gesehen unter Druck. Viele Väter haben ihr Vermögen verloren, während die Söhne danach streben, zu Geld zu kommen. In der Nacht wird studiert, am Tage arbeiten die jungen Männer als Büroangestellte.
  3. Die letzten drei Strophen bieten das Resümee: Kritisch registriert der Sprecher, wie die Männer des Jahrgangs 1899 aufgewachsen sind.


Bemerkungen zur Form:

Der Text zeichnet sich durch acht vierzeilige Balladenstrophen aus. Die letzte Strophe enthält einen überzähligen Vers. Der vierte Vers („Noch einen Moment. Bald ist es so weit!“) kann als Wiederholung des vorhergehenden aufgefasst werden. Das Ziel besteht in der Steigerung der Aussage beider Verse. 

Rhythmisch ist jede Strophe für sich gesehen frei gestaltet, metrisch jedoch sind die Verse fest gefügt. Vierhebige Zeilen (1., 3. Vers) wechseln einander mit dreihebigen Zeilen ab. Das Metrum wird höchst unterschiedlich sowohl von Jamben als auch von Anapästen bestimmt. Wer ein empfindliches Ohr hat, erkennt, dass Kästner dieses Gedicht in einem betont lockeren Sprechstil (Parlando) verfasst hat.


Arbeitsanregungen:

  • Interpretieren Sie das Gedicht.
  • Beantworten Sie die Frage, ob das Gedicht als Satire anzusehen ist. Beziehen Sie sich dabei auf folgenden Bemerkungen über die Satire.

Friedrich Schiller:
In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenüber gestellt. Es ist übrigens gar nicht nötig, dass das Letztere ausgesprochen werde, wenn der Dichter es nur im Gemüt zu erwecken weiß; dies muss er aber schlechterdings, oder er wird gar nicht poetisch wirken. Die Wirklichkeit ist also hier ein notwendiges Objekt der Abneigung; aber, worauf hier alles ankommt, diese Abneigung selbst muss wieder notwendig aus dem entgegenstehenden Ideal entspringen.

Erich Kästner:
Der satirische Schriftsteller ist, wie gesagt, nur in den Mitteln eine Art Künstler. Hinsichtlich des Zwecks, den er verfolgt, ist er etwas ganz anderes. Er stellt die Dummheit, die Bosheit, die Trägheit und verwandte Eigenschaften an den Pranger. Er hält den Menschen einen Spiegel, meist einen Zerrspiegel, vor, um sie durch Anschauung zur Einsicht zu bringen. Er begreift schwer, dass man sich über ihn ärgert. Er will ja doch, dass man sich über sich ärgert! Er will, dass man sich schämt. Dass man gescheiter wird. Vernünftiger. Denn er glaubt, zumindest in seinen glücklicheren Stunden, Sokrates und alle folgenden Moralisten und Aufklärer könnten recht behalten: dass nämlich der Mensch durch Einsicht zu bessern sei.

Ginkgo biloba

Gingko biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich Eins und doppelt bin?

Der Lieblingsbaum Johann Wolfgang von Goethes ist der Ginkgo-Baum, das lebende Fossil, das im 18. Jahrhundert auch in Europa heimisch wurde. 

Deutungshypothese:

Das Gedicht „Ginkgo biloba“ ist in erster Linie nicht als Liebesgedicht aufzufassen, sondern als Gedicht über den Menschen als Mikrokosmos. Im Kontext der pansophistischen Studien des Autors finden sich gehäuft Hinweise dafür, dass diese Auffassung berechtigt ist. Das heißt, dass dem Bild vom Menschen die Idee zu Grunde liegt, dass die Ordnung im und zwischen den Menschen der Ordnung in der Natur und dem Geschehen in der Natur entspricht. Mit einem Beispiel gesprochen: der Autor trennt nicht zwischen der Bewegung, die beim Ein- und Ausatmen wirksam ist, und der Bewegung, die die Gezeiten entstehen lässt. Für Goethe ist es „die ewige Formel des Lebens“, dass die Welt (Makrokosmos) und der Mensch (Mikrokosmos) in analoger Weise miteinander verbunden sind. Goethe hat diese Idee insbesondere im „Faust“ verfolgt. Faust, dem Zeichen des Makrokosmos hingegeben, erkennt, dass alles in der Welt harmonisch zusammenwirkt:

„Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!“
(V. 447–453)

Die Einheit von Verbindendem (Geist) und Verbundenem (Materie) liegt in dem Gedicht „Gingko biloba“, welches in erster Fassung 1815 entstanden ist, im Dingsymbol des Blattes vor.

Bemerkungen zur Form:

Das Gedicht enthält drei vierzeilige Strophen. Weibliche (1. Strophe: „Ósten“/„kósten“) und männliche Reime („ánvertrt“/„erbaút“) wechseln einander ab. Der einzelne Vers ist viertaktig. Wer den ersten Vers laut liest, wird vielleicht die künstlich erscheinende Stellung des Genitivs („Dieses Baums Blatt“ anstelle von „Das Blatt dieses Baumes“) bemerken. Daraus wird er jedoch leicht die Einsicht gewinnen, dass der vierhebige Trochäus die grundlegende Ordnung in allen zwölf Versen darstellt („Díeses Baúms Blatt, dér von Ósten / Meínem Gárten ánvertraút / […]). Das Wesentliche, formal gesprochen, ist: Nach stockendem Beginn werden die Verse fließender.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Das Problem des Raumes

Das Problem des Raumes im modernen Roman am Beispiel von Erich Kästners Roman „Fabian“ (1931)

Selig ist die Zeit, in der die Wege weit und doch vertraut wie die eigenen vier Wände sind. Selig die Zeit, in der das Licht der Sterne Orientierung bietet. Don Quijote ist trotz seiner Verrücktheiten mit dieser Welt zurechtgekommen. Sancho Panza hat ihm dabei geholfen. Von ganz anderer Wesensart ist Erich Kästners tapferer Ritter mit dem Namen „Fabian“. „[M]an [kann] wirklich nicht wissen, wo man ist“, sagt der Erzähler (Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Erstausgabe von 1931, dtv: München 31. Auflage 2015, 12). Denn das mit der Theorie des geschlossenen Raumes verbundene Konzept ist zerfallen, die Welt ist nicht (mehr), was sie zu sein vorgibt. Und der Gang durch die Großstadt, „im Straßengewirr der fiebrig entzündeten Nacht“ (ebd. 13), ist für Fabian mitnichten mit dem Gang durch die Welt vergleichbar, an deren Gewölbe die Sterne, zu sinnvollen Bildern geordnet, prangen: „Die Häuserfronten waren mit buntem Licht beschmiert, und die Sterne am Himmel konnten sich schämen“ (ebd. 12).

Arbeitsanregungen:

  • Nehmen Sie Kästners Roman „Fabian“. Lesen Sie die Seiten 11–13.
  • Woran erkennen Sie die Kennzeichen des modernen Romans?


Was ist klassisches Theater?

Was ist klassisches Theater? Wer glaubt, dass Gustav Freytag bei der Beantwortung unserer Leitfrage helfe, der braucht nur auf Goethes Dramen zu blicken. (Erst mit der „Iphigenie“ nimmt Goethe einen Stoff der Antike auf und bringt ihn in eine dramatische Form, über die Christoph Martin Wieland bewundernd sagt: „Iphigenie scheint bis zur Täuschung, sogar eines mit den Griechischen Dichtern wohl bekannten Lesers, ein altgriechisches Werk zu seyn.“ Schillers Kommentar aber muss unbedingt hinzu gelesen werden: „Sie [Iphigenie, Anm. d. Verf.] ist aber so erstaunlich modern und ungriechisch, dass man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stücke zu vergleichen“.)

Ich weiß nicht, seit wann die Deutschlehrer verstanden haben, was klassisches Theater ist. Ich habe mich aber immer gewundert, dass Freytag sein Modell auf die dramatischen Werke der Weimarer Zeit übertragen hat. Andererseits haben Generationen von Schülern in Gustav Freytags Modell des fünfaktigen Dramas eine Hilfe gefunden. Für die, denen nicht klar zu Bewusstsein gekommen ist, was ein Drama ist, in der Schule nicht und nicht im Studium, für die ist Gustav Freytags Darstellung wichtig.

Es muss klar sein, dass das klassische Theater zu seiner Zeit ungeheuer modern ist. Goethes Drama „Iphigenie“ wirkt, nimmt man die Titelfigur und ihren schwer depressiven Bruder Orest, wie eine Reise zu den Toten. Es lenkt den Blick gewissermaßen auf das spätere Motiv des Wahnsinns, das so stark in der Romantik – und noch viel stärker im Expressionismus – empfunden wird. Der „Wahnsinn“, die betäubende Schweigsamkeit Orests übersteigt das Ideal der Vollkommenheit, worauf die Klassik zielt.

Wie ist es mit Faust? Was treibt einen Wissenschaftler derart zur Verzweiflung? Dazu gehört auch die Frage: Wie ist es mit Wagner, der ja auch Wissenschaftler ist? Es ist etwas verwunderlich, dass ein hochgebildeter Wissenschaftler wie Faust so viel mit dem Teufel anzufangen weiß – weitaus mehr als Wagner. Ist dies der Stoff für ein klassisches Drama?

 
Arbeitsanregungen:

    1. Wiederholen Sie Gustav Freytags Dramenmodell (Deutschbuch). Skizzieren Sie seinen Aufbau.
    2. Inwiefern wird Freytags Dramenmodell durch Peter von Matts Ausführungen (Broschüre) infrage gestellt?
    3. Gegeben sei die folgende Situation: Ein verzweifelter Wissenschaftler wird vom Teufel verführt…

Erfinden Sie zu dieser Situation eine Handlung (entsprechend dem Schema des fünfaktigen Dramas), die Ihnen klassisch / modern erscheint.

 

Ein Symbol

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Ein Symbol im Unterschied zur Metapher

Ein Symbol bedeutet, im Unterschied zur Metapher, eine Fahne hochzuhalten, eine Kerze anzuzünden, für einen Verein, für einen Freund. Das Symbol ist ein willkürliches Zeichen. Statt durch die Fahne kann ich meine Anhängerschaft auch durch das Tragen des Vereinstrikots bezeugen. „Willkürlich“ heißt in diesem Zusammenhang: Ein Symbol braucht keinen – logisch nachprüfbaren – Vergleich zu beinhalten, wie es bei Metaphern in der Regel der Fall ist. Es ist daher nicht nötig, sich vorzustellen, dass das Vereinstrikot wie der Verein wäre – oder die Fahne oder die Kerze.

  • Erkläre, warum Ausdrücke wie „Der Verein ist mein Leben“, „Der Verein ist meine Familie“ keine Symbole sind!

Krieg der Stadt!

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Ein Stadtgedicht

Der Sinn des Lebens ist zu verteidigen gegen die Großstadt, die den eigentlichen Schauplatz unseres Lebens bildet. Das Leben ist schon kein Leben mehr, in dessen Aderwerk die Straßen sich tief hinein verzweigen. „Krieg der Stadt!“ könnte daher die Parole zu dem 1911 entstandenen Sonett „Die Stadt“ von Georg Heym lauten. Das Gedicht entspricht der Fortschritts- und Kulturkritik des Expressionismus, der sich vehement auflehnt gegen die „objektive Kultur“ der Moderne, die, wie der Soziologe Georg Simmel es formuliert hat, „über alles Persönliche hinaus[wächst]“ (Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. Aufsatz aus dem Jahr 1903, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, 39). Die Monotonie und Anonymität des Lebens in der Großstadt, die Überreiztheit des Städters ist Georg Heyms Thema.

Georg Heym:
Die Stadt (1911)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

Brücken zur Moderne

Impressionismus und Expressionismus in Bild und Text

Claude Monet: Japanische Brücke (1899)
Max Liebermann: Biergarten in Brannenburg (1893)
Ludwig Meidner: Das Eckhaus (1913)
Ludwig Meidner: Ich und die Stadt (1913)

Expressionismus und Impressionismus werden gemeinhin als Gegensätze betrachtet. Das heißt, was die Impressionisten in der Darstellung der lebendigen Luft dahingleitender Wolken abbilden wollten, lässt sich bei den Expressionisten nicht vorfinden. Die Idee, das Licht selbst zum Gegenstand zu machen und seine Reflexe zum Leuchten zu bringen, wie es Claude Monet zum Beispiel in seinen unzähligen Seerosenbildern festgehalten hat – es erscheint den Expressionisten unannehmbar. Auch die vom Sonnenlicht gesättigte, flirrende Atmosphäre auf der Leinwand, das harmonische Farbenspiel sind für die Expressionisten unmöglich. Die Landschaftsmalerei insgesamt erscheint als etwas Abseitiges und weicht den Darstellungen von Großstädten oder bei den Malern der „Brücke“ den zivilisationskritischen Ansichten aus der Südsee.

Arbeitsanregungen:

  • Vergleichen Sie die Bilder im Hinblick auf ihre Gestaltungsweise und ordnen Sie den expressionistischen Bildern passende Gedichte aus dem Deutschbuch zu.
  • Referieren Sie anhand dieser Gedichte über den Zusammenhang zwischen Text und Bild. Bereiten Sie das Referat in einer Dreiergruppe vor.