Was ist klassisches Theater?

Was ist klassisches Theater? Wer glaubt, dass Gustav Freytag bei der Beantwortung unserer Leitfrage helfe, der braucht nur auf Goethes Dramen zu blicken. (Erst mit der „Iphigenie“ nimmt Goethe einen Stoff der Antike auf und bringt ihn in eine dramatische Form, über die Christoph Martin Wieland bewundernd sagt: „Iphigenie scheint bis zur Täuschung, sogar eines mit den Griechischen Dichtern wohl bekannten Lesers, ein altgriechisches Werk zu seyn.“ Schillers Kommentar aber muss unbedingt hinzu gelesen werden: „Sie [Iphigenie, Anm. d. Verf.] ist aber so erstaunlich modern und ungriechisch, dass man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stücke zu vergleichen“.)

Ich weiß nicht, seit wann die Deutschlehrer verstanden haben, was klassisches Theater ist. Ich habe mich aber immer gewundert, dass Freytag sein Modell auf die dramatischen Werke der Weimarer Zeit übertragen hat. Andererseits haben Generationen von Schülern in Gustav Freytags Modell des fünfaktigen Dramas eine Hilfe gefunden. Für die, denen nicht klar zu Bewusstsein gekommen ist, was ein Drama ist, in der Schule nicht und nicht im Studium, für die ist Gustav Freytags Darstellung wichtig.

Arbeitsanregungen:

    1. Wiederholen Sie Gustav Freytags Dramenmodell (Deutschbuch). Skizzieren Sie seinen Aufbau.
    2. Inwiefern wird Freytags Dramenmodell durch Peter von Matts Ausführungen (Broschüre) infrage gestellt?
    3. Gegeben sei die folgende Situation: Ein verzweifelter Wissenschaftler wird vom Teufel verführt…

Erfinden Sie zu dieser Situation eine Handlung (entsprechend dem Schema des fünfaktigen Dramas), die Ihnen klassisch / modern erscheint.

 

Ein Symbol

20160529-224904.jpg

Ein Symbol im Unterschied zur Metapher

Ein Symbol bedeutet, im Unterschied zur Metapher, eine Fahne hochzuhalten, eine Kerze anzuzünden, für einen Verein, für einen Freund. Das Symbol ist ein willkürliches Zeichen. Statt durch die Fahne kann ich meine Anhängerschaft auch durch das Tragen des Vereinstrikots bezeugen. „Willkürlich“ heißt in diesem Zusammenhang: Ein Symbol braucht keinen – logisch nachprüfbaren – Vergleich zu beinhalten, wie es bei Metaphern in der Regel der Fall ist. Es ist daher nicht nötig, sich vorzustellen, dass das Vereinstrikot wie der Verein wäre – oder die Fahne oder die Kerze.

  • Erkläre, warum Ausdrücke wie „Der Verein ist mein Leben“, „Der Verein ist meine Familie“ keine Symbole sind!

Krieg der Stadt!

20160512-220025.jpg

Ein Stadtgedicht

Der Sinn des Lebens ist zu verteidigen gegen die Großstadt, die den eigentlichen Schauplatz unseres Lebens bildet. Das Leben ist schon kein Leben mehr, in dessen Aderwerk die Straßen sich tief hinein verzweigen. „Krieg der Stadt!“ könnte daher die Parole zu dem 1911 entstandenen Sonett „Die Stadt“ von Georg Heym lauten. Das Gedicht entspricht der Fortschritts- und Kulturkritik des Expressionismus, der sich vehement auflehnt gegen die „objektive Kultur“ der Moderne, die, wie der Soziologe Georg Simmel es formuliert hat, „über alles Persönliche hinaus[wächst]“ (Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. Aufsatz aus dem Jahr 1903, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, 39). Die Monotonie und Anonymität des Lebens in der Großstadt, die Überreiztheit des Städters ist Georg Heyms Thema.

Georg Heym:
Die Stadt (1911)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

Brücken zur Moderne

Impressionismus und Expressionismus in Bild und Text

Claude Monet: Japanische Brücke (1899)
Max Liebermann: Biergarten in Brannenburg (1893)
Ludwig Meidner: Das Eckhaus (1913)
Ludwig Meidner: Ich und die Stadt (1913)

Expressionismus und Impressionismus werden gemeinhin als Gegensätze betrachtet. Das heißt, was die Impressionisten in der Darstellung der lebendigen Luft dahingleitender Wolken abbilden wollten, lässt sich bei den Expressionisten nicht vorfinden. Die Idee, das Licht selbst zum Gegenstand zu machen und seine Reflexe zum Leuchten zu bringen, wie es Claude Monet zum Beispiel in seinen unzähligen Seerosenbildern festgehalten hat – es erscheint den Expressionisten unannehmbar. Auch die vom Sonnenlicht gesättigte, flirrende Atmosphäre auf der Leinwand, das harmonische Farbenspiel sind für die Expressionisten unmöglich. Die Landschaftsmalerei insgesamt erscheint als etwas Abseitiges und weicht den Darstellungen von Großstädten oder bei den Malern der „Brücke“ den zivilisationskritischen Ansichten aus der Südsee.

Arbeitsanregungen:

  • Vergleichen Sie die Bilder im Hinblick auf ihre Gestaltungsweise und ordnen Sie den expressionistischen Bildern passende Gedichte aus dem Deutschbuch zu.
  • Referieren Sie anhand dieser Gedichte über den Zusammenhang zwischen Text und Bild. Bereiten Sie das Referat in einer Dreiergruppe vor.

Angst und Schrecken

Motive expressionistischer Literatur

Arbeitsanregungen:

  1. Erzählen Sie eine Angstgeschichte. Setzen Sie die vorliegende Geschichte fort oder erfinden Sie eine neue.
  2. Mit welchen sprachlichen Mitteln können Sie Angst erzeugen? Finden Sie Beispiele in Ihrem Text.
  3. Arbeiten Sie die Schauermotive in Georg Heyms Novelle „Das Schiff“, in Jakob van Hoddis‘ Gedicht „Weltende“ (Deutschbuch S. 399) heraus.

Die Irren

Georg Heym

Man sagte immer, Deutschland sei das Land der Irren. Das gilt natürlich, wenn man den Expressionismus in den Blick nimmt, zum Beispiel das Gedicht „Die Irren“ (1910) von Georg Heym. Es war so formlos und verwirrend, obwohl es an die barocke Form des Sonetts gebunden ist.

Es war so überwältigend neu: Hier bekam der Wahnsinn eine Stimme. Nietzsche hatte es vorausgesehen: Die Deutschen brauchten die Konfrontation mit der eigenen Schwäche, dem Ich-Zerfall. Georg Heym wies darauf hin: Hier klebten Menschen wie Spinnen an den Wänden, hier wurde der Umbruch plastisch, das Subjekt war verschwunden und ersetzt worden durch das Ungeziefer.

„Die Irren“ ist ein lautes Gedicht. Die grelle „Psychopathographik“ ist das vorherrschende Thema (vgl. Walter Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarische Moderne. In: Die Modernität des Expressionismus, hrsg. von Thomas Anz und Michael Stark. J. B. Metzler Verlag: Stuttgart 1994, 30). Niemand kann sich hier ruhig-reflektierend niederlassen, wie es bei den melancholischen „Klinggedichten“ barocker Autoren möglich ist.

Die strophische Gestaltung der Verse entspricht der italienischen Grundform des Sonetts mit umarmenden Reimen (abba, bccb) in den Quartetten. In den Terzetten finden sich in Heyms Gedicht neue Reimsilben, die nach einem dreireimigen Schema aufgebaut sind: ded, eed. Der Vers ist fünfhebig und entspricht insofern dem fünfhebigen Jambus des Dramas (Blankvers), welcher allerdings ohne Reim auskommt. Der fünfhebige Jambus erlaubt verschiedene Abstände zwischen den syntaktischen Gruppen, er ist nicht symmetrisch gebaut wie der Alexandriner, mit der regelmäßigen Zäsur in der Mitte.

 
Georg Heym:

Die Irren

Juni 1910

Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
Die Irren hängen an den Gitterstäben,
Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.

In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
Dass alle Mauern von dem Lärme beben.

Mit dem er eben über Hume gesprochen,
Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.

Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Arbeitsanregungen:

  • Beschreiben Sie Ihre ersten Eindrücke.
  • Versuchen Sie das Gedicht zu illustrieren.

Das Osterfeuer

Märzbild

Ein gefährlicher Mann

Es half nichts, dass die Beamten kamen. Mein Vater war nicht dazu geboren, der Polizei Dienste zu leisten. Es half nichts, dass der Fall dank behördlicher Hilfe in diesem Augenblick eingesehen werden konnte. Der Vater öffnete aller Voraussicht nach nur auf das vereinbarte Klingelzeichen. Immerhin machte er den Schritt zum Briefkasten und entnahm ihm die an ihn gerichtete Nachricht. Als wir uns entfernten, meinte einer der Beamten, dass sie meinen Vater bestimmt holen sollten. Ich erriet bald die Absicht meines Vaters. Er würde aus dem Garten hervorgekrochen kommen, mit kleinen, blinzelnden Augen in Richtung der Ruinen laufen. Mein Vater meinte stets, meine Angst sei selbstverschuldet. Kinderaugen vergrößerten seiner Ansicht nach alles.

Im Namen seiner Eltern

Kafka: Die Verwandlung. Prokuristenszene

Zwei Thesen vorweg:

  1. Auch wenn es entmutigend viele Deutungen von Gregor Samsas „Verwandlung“ gibt, zählt diese Erzählung zu den interessantesten, die Franz Kafka geschrieben hat.
  2. Prinzipiell ist es möglich, Zusammenhänge zwischen dem Geschick Gregors und der Arbeitsteilung in der „Welt der Angestellten“ (Kracauer) herzustellen. Einige Interpreten dagegen neigen dazu, Gregor als Opfer eines in der Familie begründeten Schuld- und Schamkomplexes anzusehen. Die Prokuristenszene (Kafka 2015: 12,11–14,5) lässt sich mit beiden Deutungsansätzen in Verbindung bringen.

Sobald wir in der Scham das bestimmende Motiv für Gregor Samsas Verwandlung erkannt haben, stoßen wir auf eine wichtige Frage: Ist die Scham nur innerhalb der Familie sichtbar? Muss auch die Firma, bei der Gregor beschäftigt ist, einbezogen werden? Was ist mehr als die Quelle der Scham anzusehen: die Familie oder die Firma? Wir nehmen an, dass Franz Kafkas Novelle, die vor rund hundert Jahren, im Jahr 1915 erschienen ist, nicht von einer zufälligen Metamorphose handelt. Gregor Samsas Verwandlung darf nicht als eine von einer blinden Fortuna verhängte Strafe betrachtet werden.

Die Schwierigkeit, zwischen der Familie und der Firma zu trennen, stellt sich zum Beispiel in der vorliegenden Szene dar: In einer äußerst angespannten Situation haben sich die Eltern, die Schwester und der Prokurist seiner Firma vor Gregors Tür eingefunden und üben gemeinsam Druck auf den vermeintlichen Langschläfer aus. Jeder arbeitet mit unterschiedlichen Argumenten.

Der Prokurist sollte die geschäftlichen Erwartungen an Gregor formulieren können, während die Familie mit privaten, ins Persönliche spielenden Argumenten Druck aufbaut. Es fällt jedoch auf, dass sich der Prokurist auch für die privaten Belange Gregors zuständig fühlt: „Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung“ (Kafka 2015: 12,16–18). Seine Vorwürfe treffen Gregor daher doppelt tief.

Der Prokurist ist gerade im Hinblick auf das, was er meint, ohne es zu sagen, interessant. Sagt er: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer“ (ebd. 12,12), meint er in etwa: Warum versperren Sie mit Absicht die Tür? Was haben Sie zu verbergen, Sie gefährlicher Mensch? Sagt er: „Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste“ (ebd. 12,27), meint er: Rechnen Sie jeden Tag damit, dass Ihnen gekündigt wird! Gregor scheint daran gewöhnt zu sein, der Autorität des Prokuristen Gehör zu schenken. So kann der Prokurist in seiner langen Rede fortfahren, Vorwürfe auf Vorwürfe aufhäufen, ohne Kenntnis von der wirklichen Lage Gregors zu haben.

Gregors Zurückhaltung, sein geradezu unterwürfig zu nennendes Verhalten ist aufschlussreich auch im Hinblick auf den symbolischen Gehalt der Szene. Die Ungeziefergestalt wird dadurch zum Symbol der Niedrigkeit, der Wertlosigkeit Gregors. Warum aber soll Gregor von seiner Wertlosigkeit wissen? Der personale Erzähler ist sich im Grunde über die wirklichen Verhältnisse nicht im Klaren. Gregor „fand“ sich zu einem Ungeziefer verwandelt, heißt es am Anfang der Erzählung. Das heißt, Gregor scheint sein wirklicher Status innerhalb der Familie und der Firma gar nicht zur Gänze bewusst zu sein. Darum meint er in der vorliegenden Szene auch, nur von einer Erkältung betroffen zu sein: „Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, dass man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird“ (ebd. 13, 3–5; vgl. ebd. 8, 8–11: „dass die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im Geringsten“).

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie die Szene (Kafka 2015: 12,11–14,5) unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationssituation.