Die Erd ist höllenheiß


 
STRASSE
(Woyzeck kommt und will vorbeieilen)
HAUPTMANN: He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei. Bleib er doch, Woyzeck! Er läuft ja wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneid’t sich an Ihm; Er läuft, als hätt Er ein Regiment Kosaken zu rasieren und würde gehenkt über dem längsten Haar noch vor dem Verschwinden. Aber, über die langen Bärte – was wollt‘ ich doch sagen? – die langen Bärte …
DOKTOR: Ein langer Bart unter dem Kinn, schon Plinius spricht davon, man müsst es den Soldaten abgewöhnen …
HAUPTMANN (fährt fort): Ha, über die langen Bärte! Wie ist, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden? He, Er versteht mich doch? Ein Haar eines Menschen, vom Bart eines Sapeurs, eines Unteroffiziers, eines – eines Tambourmajors? He, Woyzeck? Aber Er hat eine brave Frau. Geht Ihm nicht wie andern.
WOYZECK: Jawohl! Was wollen Sie sagen, Herr Hauptmann?
HAUPTMANN: Was der Kerl ein Gesicht macht! … Vielleicht nun auch nicht in der Suppe, aber wenn Er sich eilt und um die Eck geht, so kann er vielleicht noch auf ein Paar Lippen eins finden. Ein Paar Lippen, Woyzeck – ich habe auch das Lieben gefühlt, Woyzeck. Kerl, Er ist ja kreideweiß!
WOYZECK: Herr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel – und hab’s sonst nichts auf der Welt. Herr Hauptmann, wenn Sie Spaß machen –
HAUPTMANN: Spaß ich? Dass dich Spaß, Kerl!
DOKTOR: Den Puls, Woyzeck, den Puls! – Klein, hart, hüpfend, unregelmäßig.
WOYZECK: Herr Hauptman, die Erd ist höllenheiß – mir eiskalt, eiskalt – Die Hölle ist kalt, wollen wir wetten. – – Unmöglich! Mensch! Mensch! Unmöglich!
HAUPTMANN: Kerl, will Er – will Er ein paar Kugeln vor den Kopf haben? Er ersticht mich mit seinen Augen, und ich mein es gut mit Ihm, weil Er ein guter Mensch ist, Woyzeck, ein guter Mensch.
DOKTOR: Gesichtsmuskeln starr, gespannt, zuweilen hüpfend. Haltung aufgeregt, gespannt.
WOYZECK: Ich geh. Es ist viel möglich. Der Mensch! Es ist viel möglich. – Wir haben schön Wetter, Herr Hauptmann. Sehn Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen, ein‘ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels zwischen Ja und wieder Ja – und Nein. Herr Hauptmann, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken. – (Geht mit breiten Schritten ab, erst langsamer, dann immer schneller.)
HAUPTMANN: Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen. Wie schnell! Der lange Schlingel greift aus, als läuft der Schatten von einem Spinnbein, und der Kurze, das zuckelt. Der Lange ist der Blitz und der Kleine der Donner. Haha … Grotesk! Grotesk!
 

Woyzeck
Grundsätzliches zur Analyse

 
„Woyzeck“ als Beziehungsdrama
 
Woyzeck hat sich von den anderen Beteiligten des Dramas losgelöst. Wenn der Leser die vorliegenden Szenenfragmente als Teile eines Beziehungsdramas auffasst, geht er auf Maries Untreue zurück und hat den Grund für dieses Verhalten gefunden: Marie hat sich verändert; seit er den fremden Ohrring bei ihr gesehen hat, weiß Woyzeck: „Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!“ (Büchner 2015: 11,37).
 
„Woyzeck“ als Sozialdrama
 
Mit dieser Erfahrung wendet er sich der Arbeit zu. In dieser Sphäre kann er nicht schaffen, sondern nur hetzen. Da Woyzeck arm ist, muss er funktionieren, existiert er nur im Dienste der Anderen, was die wiederum mit Spott, falschem Mitleid oder Genugtuung zu Kenntnis nehmen. Die Herrschenden betrachten Woyzecks Hyperaktivität mit Schadenfreude. In dieser Szene ist es der Hauptmann, der Woyzecks Verhalten aufs Korn nimmt: „He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei?“ (ebd. 14,15–16).
 
Das Eifersuchtsmotiv
 
Das Entscheidende an der vorliegenden Szene, welche ein Woyzeck aufgezwungenes Gespräch mit dem Hauptmann und dem Doktor darstellt, ist, dass Woyzeck deren Bemerkungen hinnehmen muss, konkret die Anspielungen auf die Untreue seiner Lebensgefährtin. Er selbst hat die Ohrringe, die Marie angeblich „gefunden“ hat (ebd. 11,25), nämlich bereits in dieser Hinsicht interpretiert. Nun spielt der Hauptmann auf ein weiteres verdächtiges Detail an: „Wie is, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden?“ (ebd. 14,24–26). Damit die Kränkung vollkommen ist, wiederholt der Hauptmann den Verdacht mehrfach, erwähnt schließlich ausdrücklich den Tambourmajor: „ Ein Haar von einem Menschen […] eines Tambourmajors?“ (ebd. 14,26–28). Das anschließend geäußerte Mitgefühl ist nur vorgetäuscht: „Aber Er hat eine brave Frau. Geht ihm nicht wie andern“ (ebd. 14,28–29); „Kerl, Er ist ja kreideweiß!“ (ebd. 14,35–36).
 
Woyzecks Phantasien
 
Die Kränkung sitzt tief. Woyzecks Phantasie wird aktiv. Schon aus der Szene „Freies Feld, die Stadt in der Ferne“ (ebd. 6–7) geht hervor, dass Woyzeck von rätselhaften Eindrücken und Ideen geplagt ist. Diesmal fehlt die Vorstellung, von den Freimaurern verfolgt zu werden. Was wiederkehrt, ist das Hinrichtungsmotiv. Die Kränkungen des Hauptmanns haben Woyzeck derart getroffen, dass er sich im „feste[n], graue[n] Himmel“ (ebd. 15,11) an einem Haken („Kloben“, ebd. 15,12, südhessisch für: starker eiserner Haken, zum Aufhängen schwerer Gegenstände geeignet) aufhängen möchte. Mit Bedacht wählt der Autor den Himmel zur Metaphernbildung. Diese Metapher fordert den Leser dazu auf, noch an etwas anderes zu denken, als im Text steht. Was wäre nämlich die gewohnte Art, diese Metapher zu deuten? Verweist die Metapher nicht auf den um seine Freiheit bereicherten, verwandelten Menschen? Woyzecks Ängste dagegen zwingen ihn, nicht nur die Erde („die Erd ist höllenheiß“, ebd. 14,43), sondern auch den Himmel als gewaltsamen Ort zu betrachten.
 

„In diesen Erscheinungen ist bei Woyzeck der Grundmechanismus von Psychosen wirksam, die Projektion. Es handelt sich um wahnhafte Übersetzungen seiner Ängste, die an die Stelle der realen Ursachen und Verursacher treten, um irre Spiegelungen seines unterschwelligen Bewusstseins, dass er physisch und psychisch zugrunde gerichtet, in eine Katastrophe hineingetrieben wird“ (Glück 1990: 200).

 
Asymmetrische Kommunikation
 
Es ist zunächst klar, dass das Gespräch kein für beide Seiten gleichermaßen befriedigendes Gespräch darstellt. Es muss betont werden, dass das Gespräch Woyzeck aufgezwungen wird („He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei? Bleib Er doch, Woyzeck!“ (ebd. 14,15–16). Das Gespräch wird durchweg vom Hauptmann dominiert. Als Woyzeck sich einschaltet, von Eindrücken und Eifersuchtsphantasien beladen, kann er sich nicht eigentlich verständlich machen und seinen Gefühlen die adäquate Form geben. Ein Gesprächs-„Ziel“, das von allen Beteiligten gemeinsam verfolgt wird, kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.
 

Verwendete Literatur:

Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2015.

Alfons Glück: Woyzeck, in: Interpretationen: Georg Büchner. Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck. Philipp Reclam jun. Verlag: Stuttgart 1990, 179–220.

Woyzeck in zehn Minuten!

Er sieht immer so verhetzt aus –

Woyzeck: Rasierszene

EINLEITUNG

In Georg Büchners 1837 entstandenem, der Epoche des Vormärz zuzuordnendem Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendet hat, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Büchners Text veranschaulicht am Beispiel der Lebensumstände des hessischen Soldaten Franz Woyzeck die bedrückenden Lebensumstände in der Zeit zunehmender Industrialisierung in Deutschland, durch die es möglich gemacht wird, dass Menschen deformiert und zum Äußersten getrieben werden.

Dem Drama liegt ein historischer Fall zugrunde: Der Arbeitslose Johann Christian Woyzeck ersticht seine Geliebte. In Büchners Drama ist es der Stadtsoldat „Franz“ Woyzeck – ein Soldat der Unterschicht, ein so genannter „Pauper“ – , der seine Geliebte Marie Zickwolf aus Eifersucht ersticht, da sie ihn mit einem Offizier, dem Tambourmajor, betrogen hat. Franz und Marie haben ein gemeinsames Kind im Alter von zwei Jahren.
Franz sichert den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie, indem er zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachgeht. Unter anderem nimmt er im Zuge eines menschenverachtend zu nennenden, wissenschaftlichen Experiments eine Erbsendiät auf sich, die seine Gesundheit zerstört und Wahnvorstellungen hervorruft. Des Weiteren verrichtet Woyzeck verschiedene Aufgaben für den Hauptmann.

Die vorliegende Szene zeigt Woyzeck bei der Rasur des Hauptmanns. Der Hauptmann nimmt die Gelegenheit wahr, Woyzeck zur Ruhe zu ermahnen. Er solle sich die Arbeit einteilen. Woyzeck wirkt geistesabwesend und rasiert mechanisch weiter. Als aber der Hauptmann in seiner Klage fortfährt und Woyzeck persönlich angreift und ihm Vorwürfe wegen seines unehelichen Kindes macht, kann er dem Gespräch nicht mehr ausweichen. Zu diesem Zeitpunkt hat Woyzeck bereits den Verdacht geschöpft, dass Marie ihm untreu ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Woyzeck damit Recht hat: Marie und der Tambourmajor haben in der Tat ein Verhältnis miteinander. –

Die Rasur ist beendet. Der Hauptmann hat das Gespräch eröffnet und schließt es auch ab. Woyzeck wird nach getaner Arbeit entlassen und ein weiteres Mal zur Langsamkeit ermahnt.

Ich habe die Szene in folgende Abschnitte eingeteilt.
Z. 1–15: Rasur des Hauptmanns durch Woyzeck, Beschwerde und Klagen des Hauptmanns,
Z. 15–27: Ins Persönlich gehende Anschuldigungen des Hauptmanns,
Z. 28–36: Rechtfertigungen Woyzecks,
Z. 37–47: Beiderseitige Bemerkungen zur Moral,
Z. 48–50: Entlassung Woyzecks durch den Hauptmann.

HAUPTTEIL

Bei der Analyse der Rasierszene werde ich mich vor allem mit dem Aspekt der Arbeit befassen und mich dabei von der Frage leiten lassen, welchen Stellenwert die Arbeit bei den am Gespräch beteiligten Figuren hat.

Mittelpunkt des vorliegenden Szenenbildes ist der Rasierstuhl: Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der kleine Mann setzt das Messer an die Kehle des großen Mannes, ohne ihm jedoch Gewalt anzutun. – Die wird Woyzeck zuletzt Seinesgleichen zufügen. – Wie zu erwarten, bläst der Hauptmann Trübsal, beschwert sich über Woyzecks Unruhe, grübelt über Zeit und Ewigkeit – ohne Verstand, in abgerissenen Sätzen. Woyzeck nimmt sein Gerede hin (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“). Mag der Hauptmann auch darüber klagen, Zeit im Überfluss zu haben (Z. 4–5: „Was soll ich dann mit den zehn Minuten anfangen, die er heut zu früh fertig wird?“), und Betätigung mit Blick auf die Ewigkeit für nutzlos halten (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“), Woyzeck, das „Arbeitstier“ – Woyzeck, der jede erdenkliche Arbeit auf sich nimmt und darunter zugrunde geht – nimmt die Beleidigung hin. – Ist es denn keine Beleidigung, wenn der Hauptmann damit angibt, mit zehn Minuten freier Zeit nichts anfangen zu können, während Woyzeck jede Minute nutzen muss, um das Lebensnotwendige für sich und seine Familie aufzubringen? – Unter dem Aspekt der Arbeit betrachtet, ergibt sich, dass Woyzeck auch in dieser Szene trotz all der ausgesprochenen und unausgesprochenen Beleidigungen, Anschuldigungen und peinlichen Bemerkungen des Vorgesetzten „funktioniert“, wie es von ihm gefordert wird. Woyzeck rasiert den Vorgesetzten wie eine Maschine.

Für den Hauptmann dagegen ist die Arbeit mit weniger Mühe verbunden. Er muss seine Arbeitskraft nicht verschwenden. Er hat sogar Zeit, am Fenster den Mädchen nachzuschauen, bis ihm die „Liebe“ kommt (vgl. Z. 38–40). Darüber hinaus besitzt er ausreichend finanzielle Mittel, um andere für sich arbeiten zu lassen. Seine „Arbeit“ als Hauptmann ermöglicht es ihm, sich als „Herr“ über andere aufzuspielen. Dass er diese Gelegenheit weidlich ausnutzt, geht aus dieser Szene deutlich hervor.

Das „Gespräch“ in dieser Szene, wenn es überhaupt diesen Namen verdient, wird durchweg vom Vorgesetzten dominiert. Der Hauptmann spricht mit Woyzeck wie mit einem Kind (Z. 3: „Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern“; Z. 10: „Ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“). Ein Gesprächs-„Ziel“ – das gemeinsam verfolgt werden müsste – kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.

Die Analyse der sprachlichen Mittel bestätigt den Befund. So finden sich unterschiedlichste Elemente der „Herrschaftssprache“: beispielsweise die häufige Verwendung von Imperativen (Z. 7: „Teil er sich ein, Woyzeck“; Z. 17: „Red’ er doch was Woyzeck“; u. ö.), Abwertungen (Z. 16: „Woyzeck er sieht immer so verhetzt aus“; Z. 23: „O er ist dumm, ganz abscheulich dumm“; u. ö.). Auch das Gegenteil lässt sich nachweisen: Sprache, die Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringt, beispielsweise mithilfe von Gehorsamsfloskeln (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“), Demutsfloskeln (Z. 33: „Wir arme Leut“; Z. 43–44: „wir gemeinen Leut“) und einer sprechenden Metapher (Z. 28: „de arme… Wurm“).

SCHLUSS

„Dem Bourgeois ist der Arbeiter weniger als ein Mensch“. Diese Feststellung Friedrich Engels hinsichtlich des Ansehens der Arbeiter in England wird durch die Rasierszene bestätigt. Friedrich Engels Beobachtungen beziehen sich auf die englischen Verhältnisse in den vierziger Jahren. Georg Büchner greift die deutschen Verhältnisse der Zeit auf und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Im vorliegenden Drama haben sie ihren künstlerischen Ausdruck gefunden.

WEITERER SCHREIBAUFTRAG

Woyzeck und der Hauptmann werden als Figuren völlig verschieden gestaltet. Während Woyzeck differenziert ausgestaltet erscheint und trotz aller Benachteiligungen als „round character“ aufzufassen ist, hat der sozial privilegierte Hauptmann die Kennzeichen des „flat character“, ja sogar die Merkmale eines ins Lächerliche gesteigerten Typen erhalten. Dieser Eindruck wird durch viele Beobachtungen verstärkt: Die selbstgefälligen Bemerkungen des Hauptmanns sind beispielsweise gekennzeichnet durch zahlreiche Gedankenabbrüche, Phrasendrescherei, Tautologien (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“; u. ö.).

Es liegt nahe anzunehmen, dass diese satirische Zuspitzung des Textes bewusst vorgenommen worden ist, um die realen Herrschaftsverhältnisse des historischen Kontextes ins Gegenteil zu verkehren: So erscheint der Pauper Woyzeck wenigstens auf der Bühne glaubwürdiger und seinem Vorgesetzten überlegen.

Sachtextanalyse

Checkliste (PDF)
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Faust als moderner Hiob

Dat Pöggsken

Dialektal gefärbte Umgangssprache als „innere“ Mehrsprachigkeit

Beim Dialekt schweigen die Schulen. Vielleicht weil der Dialektgebrauch tatsächlich sich als Nachteil im Unterricht erweist. Der Dialekt wird von seinen Kritikern als Sprachbarriere angesehen: Er behindere den Übergang zum allgemein festgelegten Hochdeutschen. Außerdem sei der Dialekt ausgestorben, nur noch in Resten erhalten, in der dialektal gefärbten Umgangssprache. Einige Schüler jedoch scheinen im Dialekt zu Hause zu sein. Einige kommen auf ihre Großeltern zu sprechen. Wie schade! Leider kann man dem Lehrplan nicht entrinnen und muss die Erforschung historischer Wortbestände angelegentlich des folgenden Gedichts bis auf Weiteres verschieben.

Augustin Wibbelt:


Dat Pöggsken 

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,
O, wat is dat Pöggsken fien
Met de gröne Bücks!
Pöggsken denkt an nicks.

Kümp de witte Gausemann,
Hät so raude Stiewweln an,
Mäck en graut Gesnater,

Hu, wat fix
Springt dat Pöggsken met de Bücks,
Met de schöne gröne Bücks,
Met de Bücks in’t Water!

Arbeitsanregungen:

  • Übersetzen Sie das vorliegende Gedicht in Standardsprache.
  • Erörtern Sie anhand des Gedichts die Einflüsse des Niederdeutschen auf die Umgangssprache. Halten Sie die Stärkung des Niederdeutschen in Schulen für sinnvoll?

Goethes „Faust“ als Theodizee

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

 

Strafsache Gretchen

Faust. Die Gretchentragödie

Die Hinrichtung ist die einzig rechtmäßige Form der Strafe für die Kindsmörderin, wie es dem Juristen Johann Wolfgang von Goethe scheint. So empfiehlt er im Fall der Johanna Höhn „die Todtesstrafe beyzubehalten“ (zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999, 197). Aber nicht bei allen Strafakten betreffs Kindstötung hat er so entschieden. Vielmehr versucht der deutsche Nationaldichter sorgsam abzuwägen – wie in dem realen, dem von Herzog Carl August ihm vorgelegten Fall, so auch in dem fiktiven des erst vierzehnjährigen Gretchens, des Mädchens, das von Doktor Faust verführt worden ist. Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was dem Mädchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Arbeitsanregungen:

  1. Sammeln Sie das für einen Strafprozess nötige Material.
  2. Für den Fall, dass Sie auf Leerstellen des Textes stoßen: Stützen Sie sich bei der polizeilichen Ermittlung des fiktiven Falls auf den realen Fall der Susanna Margaretha Brandt.
  3. Verfassen Sie eine staatsanwaltliche Anklageschrift.
  4.  Entwerfen Sie Zeugenaussagen (z. B. von Lieschen, Marthe, Faust, Valentin).

Heimat

Der Roman „Fabian“ – littérature engagée?

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Beobachtungen zum Protagonisten und zum Erzähler

Erich Kästner ist in ganz anderem Sinne Erzähler als Franz Kafka. Während Kafkas Erzähler versuchen in das Innere der Figuren zu blicken – und daher die personale Erzählperspektive wählen –, betrachten Kästners Erzähler die Figuren mit Distanz. Kafka interessiert sich für das Innere der Figuren, insbesondere für deren rätselhafte Scham und fortwährende Selbstanklage – Kästners Interesse gilt der Perspektive von unten. Das heißt, sein Berichtstil hat viel mit der Reportage gemeinsam. Dabei muss die engagierte von der neutralen Reportage abgegrenzt werden. Was muss darüber im Fall „Fabian“ gesagt werden?

Die Titelfigur selbst scheint sich für nichts tiefer zu interessieren. Fabian ist nicht engagiert, fühlt sich dem „System“ (Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, 31. Auflage, dtv: München 2015, 53) moralisch nicht verpflichtet. Als er schließlich eingreift und beschließt, einen Jungen vor dem Ertrinken zu retten, da hat er sich maßlos überschätzt (ebd. 236). Dem Leser genügt es vielleicht, um zu erkennen, dass die sittlich richtige Tat aufs Ganze gesehen sich als zwecklos erweist. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Theodor W. Adorno)

Doch vom Erzähler erwarten wir im Allgemeinen stärkere Reaktionen. Wir erwarten, dass die dargestellte Welt ihn „ergreift“, Fabians Schicksal ihn berührt.

Arbeitsanregungen:

  • Lesen Sie im elften Kapitel den Bericht über Fabians Kündigung (ebd. 106–108).
  • Begegnet der Erzähler den dargestellten Figuren mit Abstand, oder lässt er, in dem einen oder anderen Fall, Sympathie für eine Figur erkennen?
  • Wie nimmt der Erzähler Fabians Kündigung auf – sachlich, mit Bedauern oder Verwunderung, ohne besondere Teilnahme?